Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111911--1149-3112122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
199 ich bitte Sie, Herr Doktor, man reist so bequem jetzt und angenehm . . . das Coupe war so gut durchwärmt und Mama und ihre Jungfer waren ganz allein . . . heute am Feiertage reisen nur wenige. Am liebsten wäre ich mitgefahren . . . und jetzt . . . jetzt ist sie längst an Ort und Stelle. Der Zug kommt um 3 Uhr 28 an." Erst unsicher, als suche sie nach einer harmlosen Darstellung dieser Reise ihrer Mutter, dann hastiger werdend, hatte sie gesprochen. Bei den letzten Worten flog ihr Blick nach der Uhr auf den: Kaminsims. Schäferin und Schäfer aus vieux saxe hielten das Zifferblatt und lächelten sich zärtlich an. „Ja, um 3 Uhr 28," wiederholte sie. „Rita!" Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest. „Ihre Mutter ist dahin gereist, um mir dort Eingang zu verschaffen. Meinem Wunsche Gewähr. Ganz in diplomatischer Sendung. Persönlich wollte sie für mich wirken. Mein Wortführer sein. Bedenken zerstreuen, Vorurtheile beseitigen. Das Unerwartete, Absonderliche ins rechte Licht setzen. Ihre eigene Ueberzeugung, daß es nicht eine Laune, sondern ein, in einem geheimen Winkel meines Herzens ruhendes, pietätvolles Gedenken ist, das diesen Wunsch mir erweckte, will sie zu meinen Gunsten dort sprechen lassen. Das Vertrauen, das man ihr schenkt, will sie für mich geltend machen. Sie will ihnen sagen, wir haben in oftmaligem Verkehr mit Victor Weilen, dem Sohne unserer früh verstorbenen Tante Goldine, Deiner jüngsten Schwester, Onkel Leopold, der Schwester meiner Mutter, den Eindruck empfangen, daß ehrliche Gesinnung ihn zu uns führt. Daß die geheimnißvolle Stimme des Blutes in ihm laut wurde, als er erfuhr, daß einer der unsrigen, einer, dessen stillwaltende Frömmigkeit, dessen ehrliche Gläubigkeit ihn denen doppelt ehrwürdig erscheinen lassen, die das Leben weit abtrieb vom heimatlichen Boden, das neunzigste Lebensjahr erreicht und, so im Alter der Patriarchen stehend, die Seinen um sich vereinen werde. Und diesen möchte er sich beigesellen." Sie sah ihn an, in zaghafter Verwirrung. Langsam hatte sie ihre Hand aus der seinen gelöst.