Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111911--1148-3112121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rawicz 1× ep/1048078
OCR text
198 hatte er ihre anfängliche Scheu so weit überwunden, daß sie in ihm bald den Vetter sah, bald den fremden Gast des Hauses. Das gab ihrem Verkehr einen eigenthümlichen Reiz. Und diese Mischung von innerer Vertraulichkeit und äußerlichem Fremdsein nahmen ihn, aber noch viel mehr sie gefangen. Wenn er kam, war es der „Herr Regierungsrath," den sie formell begrüßte, im Laufe der Unterhaltung, wenn sie lebhaft werdend seinen Anregungen folgte, dann kam der „liebe Vetter" zur Geltung, und ihm bereitete es unendliches Vergnügen, wenn sie dann eifrig und hingerissen vom Gespräch nicht erst seine Mahnung abwartete, ihn so zu nennen. „Und welchem glücklichen Umstande verdanke ich es. Ihnen am ersten Tage des neuen Jahres so ganz allein sagen zu dürfen, welche innigen, warmen treuen Wünsche ich für Ihr Glück hege, liebe . . . liebe Rita?" Sie hatte ihren Platz vor dem Kamin wieder eingenommen und er saß ihr gegenüber und blickte auf ihr Antlitz, das, angestrahlt von den röthlichen Flammen des Kaminfeuers und durchleuchtet von innerer Erregung, besonders reizend aussah. „Mama ist heute morgen nach Rawitsch gereist zu Onkel Leopold, und Papa und Hugo haben Onkel Friedheim einen Besuch gemacht, der seit einigen Tagen nicht wohl ist." Er sah sie erstaunt an. Dann zog ein kluges, feines Lächeln um seine Lippen. „Zu Onkel Leopold nach Rawitsch ist Ihre Frau Mutter gereist? So plötzlich? Ganz unerwartet? Es war davon noch nicht die Rede, als ich am Tage vor Weihnachten hier war, obwohl wir an diesem Abende doch ganz besonders viel über Onkel Leopold und den Geburtstag sprachen." „Mama hat sich auch erst gestern dazu entschlossen . . . es gab da so mancherlei ... sie wollte... sie glaubte . . ." Vergebens war sie bemüht, eine gewisse Unsicherheit zu verbergen. „In dieser Kälte? Bei diesem Schneewetter? Das muß besondere Ursachen haben." „O, durchaus nicht, Herr Regierungsrath." Ihre Verlegenheit wuchs. „Mama wollte schon immer . . . und das Schneewetter fing erst heute Vormittag an, nach ihrer Abreise . . . Papa und ich haben sie zur Bahn begleitet . . .