Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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197 „Wenn nur nicht Schneeverwehungen eine Verspätung veranlassen." Sie sah besorgt aus, stand aus und trat an das Fenster. In diesem Augenblick klopfte es an die Thür und der eintretende Diener überreichte eine Karte, indem er zugleich meldete: „Herr Regierungsrath Dr. Weilen." „Ich lasse bitten." Bald darauf stand er vor ihr, drückte herzlich ihre Hand und führte diese dann an seine Lippen. „Ich darf meine schriftlichen Glückwünsche von heute morgen doch mündlich wiederholen?" Er hatte früh wundervolle Blumen mit seiner Gratulation gesandt. „Das ist sehr gütig von Ihnen" . . . erwidert sie, bemüht, eine leichte Verlegenheit niederzukämpfen. „Und ich freue mich, Ihre Glückwünsche persönlich erwidern und Ihnen danken zu können. Nur müssen Sie mit mir allein vorlieb nehmen, denn meine Mutter hat sich gestern zu einer kleinen Reise entschlossen, die sie heut früh angetreten hat, und Papa und meinen Bruder kann ich vor sechs Uhr zum Diner nicht erwarten." Er sah sie an, ohne ein Wort zu sprechen, und die zarte Röthe, die sich über ihr Antlitz ausbreitete, gab ihm Gewißheit, daß sie seine wortlose Antwort verstanden hatte. Sie wußte, daß er dieses Alleinsein mit ihr wünschte, und sie wußte auch, daß er um ihretwillen so oft kam, als es die üblichen Verkehrsformen nur immer gestatteten. Seit er damals vor einigen Wochen zum ersten Male bei ihnen gewesen, hatte er seine Besuche öfter wiederholt, und man merkte es ihm an, daß er sich heimisch bei ihnen fühlte. Der Geheimrath und Frau Fanny sahen ihn gern. Er hatte mit weltmännischer Art und liebenswürdiger Vertraulichkeit sich ihnen angeschlossen. Und ohne die Grenzen zu überschreiten, die seine langjährige Entfremdung von der Familie unwillkürlich zwischen ihnen aufrichtete, wußte er doch den Ton zu treffen, der sowohl den gastlichen, als auch den verwandtschaftlichen Beziehungen entsprach. Auch Rita hatte er für sich eingenommen. Sie sah ihn gern kommen und, so wie er sich gab, zwischen Zugehörigkeit und konventionellen Formen,