Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 65)
- Language
- German
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196 Er reichte dem alten Prokuristen die Hand. „Schlafen Sie ruhig, Elkisch. Ihre Befürchtungen sind auch die meinen und Ihre Abneigung dagegen theile ich auch." „Das Hab ich ja gewußt. Deshalb bin ich auch zu Dir gekommen. Gute Nacht, Hugo! Mit Gottes Hülfe wird noch Alles gut." „Hoffentlich!" Als die Thür hinter dem Davongehenden sich geschlossen hatte, seufzte Hugo schwer auf. Es siel ihm ein, wie rasch und unvermittelt Rosenfeld vorhin aufgebrochen war, als er von Weilen's Verkehr bei ihnen zu sprechen anfing. „Sollte auch er" . . Lange starrte er in die brennende Flamme, bevor er die Lampe verlöschte und sich zur Ruhe begab. Es war am ersten Januar. Rita saß lesend im kleüien Salon. Eine trauliche Simmung ruhte über dem Raum. Im Kamin brannte ein lustiges Holzfeuer. Nur zum Schein, denn das ganze Haus war gleichmäßig von einer Centralheizung erwärmt. Aber Rita mochte es nicht leiden, wenn der Kamin kalt und öde aussah, besonders an einem Tage wie heute, wo draußen so starke Winterkälte herrschte. Da konnte man nie zu viel Licht und Wärme in der Wohnung haben, um ein rechtes Behagen zu schaffen. Es war kaum vier Uhr, aber die Lampen brannten bereits und elektrische Flammen unter bunten Glasglockenblumen schufen reizende Lichtefiekte. Durch die mit kostbaren Spitzenvorhängen verhüllten Fenster fiel , der letzte Schein des verdämmernden Tages und in hastigem Wirbel tanzten große Schneestocken vorüber. Das junge Mädchen legte das Buch aus der Hand und blickte sinnend hinaus in das Schneetreiben. Wie hübsch das war, die weißen, schwebenden Flocken, die sich haschten und jagten und dann so lautlos und gelassen niedersanken. Vom warmen, lichtstrahlenden Zimmer aus wirkte es besonders reizvoll. In starken Kontrasten. Plötzlich dachte sie an diejenigen, die in der Kälte draußen sein mochten. Ihr Blick siel auf'die Uhr. Fast vier. „Jetzt muß Mama gerade angekommen sein," sagte sie halblaut vor sich hin.