Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 57)
- Language
- German
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188 — beschäftigt schwiegen sie einige Zeit, dann fragte Hugo besorgt den Freund: „Bist Du müde?" „Ach nein, nur etwas abgespannt." „Kann ich Dir noch von etwas anderm heute Abend sprechen." „Gewiß!" „Ich bin beunruhigt durch das Eindringen Dr. Weilen's in unseren Familienkreis. Was will er? Was bedeutet dieses Interesse, diese Zutraulichkeit? Er kommt oft . . . wie ein Zugehöriger ... wie ein Vetter . . . man sieht ihn gern. Alle, nur — ich nicht, dagegen befürchte ich eine besonders . . . Rita!" Heinrich wurde sehr bleich, als Hugo dies sagte. Er biß die Lippen aufeinander, stützte den Kopf in die Hand und erwiderte nichts. „Was hältst Du davon, Heinrich? Du kennst doch meine Schwester auch sehr gut . . . in den philosophischen Stunden, die Du ihr giebst, lernt man doch eine Mädchenseele gewiß leicht kennen . . . was denst Du?" „Wer wollte sagen, er kenne eines andern Menschen Seele? Besonders die einer so innerlichen Natur wie Rita?" antwortete er mit schleppender Stimme. „Aber, weißt Du, Hugo, ich fühle mich doch ermüdeter als ich glaubte und möchte gehen." „Soll ich Dich begleiten?" „Nein, danke! Es ist spät und hat keinen Zweck, daß Du noch in die Kälte hinaus gehst." „Also dann aus Morgen!" „Gute Nacht, Hugo!" Langsam ging er die Treppen hinab. Das ganze Vestibüle war noch hell erleuchtet. Als er vor dem Corridor in der ersten Etage anlangte, öffnete sich die Thür und der Diener ließ Weilen hinaus. „O, guten Abend, vr. Rofenseld," begrüßte er in liebenswürdiger Laune den vor ihm Stehenden. „Guten Abend, Herr Regierungsrath." „Man übt, wie es scheint, Gastfreundschaft in allen Etagen dieses Hauses. Sie kommen gewiß von Hugo?" Er verbeugte sich zustimmend.