Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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185 Gefühl nach nicht aufbringen sollen, um das zu erdulden, was man Euch Juden zumnthet. Daß es geschieht und ob es berechtigt ist, ist ein Punkt, über den ich mich im Augenblick nicht äußern möchte. Du weißt, wie wahrhaft treu ich Dir zugethan war und bin. Ich hatte keinen bessern Freund, keinen liebern Studienkameraden als Dich. Schon die Übereinstimmung in Bezug auf die philosophischen Fragen, die uns damals beschäftigten, die Gleichartigkeit der Anschauungen, mit der wir Welt und Dinge ansahen, unsere völlig analoge Auffassung über verschiedene Probleme des sozialen Lebens waren die sicherste Gewähr unserer Freundschaft. Und darüber brauche ich Dir keine weiteren Versicherungen zu geben. Ob ich dieses Persönliche vom Allgemeinen trenne, vermag ich nicht zu sagen. „Ich habe mich viel mit der Judenfrage beschäftigt, seit Du mir schriebst, daß sie Dich jetzt ausschließlich in Anspruch nimmt. Sie drängt sich außerdem uns auf, überall. Innerhalb meines Berufes, innerhalb der Welt, in der ich lebe. Du weißt, daß ich Priester bin mit Leib und Seele und immer mehr bin ich es geworden, seit ich mich vertieft habe in den Geist unserer protestantischen Lehre. Wie sehr ist es zu beklagen, daß die besten unter euch ihrer Segnungen nicht theilhaftig werden, denn wer das Glück hatte, Dich Freund zu nennen, weiß euch zu schätzen und ich muß gerechterweise mir sagen, so wie Du, mögen Viele sein. Aber ob ihr nicht könnt, ob wir nicht wollen — das Resultat bleibt das gleiche und dieses Resultat ist nicht zu bestreiten. Ich fand in diesen Tagen einen Ausspruchs Feuerbach's, der vielleicht einen Aufschluß giebt über das, was man den Juden so oft zum Vorwurf macht, das Heraustretenwollen, Sichaufdrängen: „Die Gleichgültigkeit unseres individuellen Daseins aufzulösen," sagt er, „ist der Zweck unseres Lebens, der Trieb unserer Handlungen, die Quelle unserer Tugenden wie unserer Fehler und Mängel. Der Mensch soll und will etwas Distinktes werden. Er soll und will sich einen qualitativen Werth, eine wesentliche Bedeutung geben. Als bloßes Individuum verliert er sich als ein der Art nach unterschiedsloser Wassertropfen in dem langweiligen Strom der gleichgültigen Vielheit. Verliert der Mensch die Interessen, die sein individuelles Wesen specificiren, kommt ihm die Gleichgültigkeit seiner ent-