Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 53)
- Language
- German
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— 184 — der arischen Kommilitonen hier ihre Studien betrieben, sondern auch junge Männer aus den ersten, reichsten und wohlangesehendsten Familien. Dr. Rosenfeld hatte etwas Werbendes in seiner Natur. Wer mit ihm in Berührung kam, hing ihm an. Schon seine äußere Erscheinung, in der bei körperlicher Kraft doch etwas unendlich Sanftes und Mildes lag, gewann ihm Sympathieen. Und so war sein Wesen. Schlicht, einfach und bescheiden. Aber man empfand, daß unter diesen liebenswürdigen Umgangsformen die Energie und Unerschrockenheit eines echten Demagogen sich bargen. Man war überzeugt, daß er in innerster Wahrhaftigkeit und Klarheit seinen Ueberzeugungen stets den schärften Ausdruck geben würde, wo es Noth that. Er beschäftigte sich in neuerer Zeit fast ausschließlich mit jüdischen Fragen und betrachtete alle Erscheinungen im politischen lind gesellschaftlichen Leben nur im Zusammenhänge mit dem, was seine Seele ganz erfüllte. So hatte er einen großen Einfluß aus seine Gesinnungsgenossen gewonnen und nahm eine führende Stelle unter ihnen ein. Hugo Benas, Erich Magnus und Siegfried Sternberg hatten sich ihm innig angeschlossen. Und diese bildeten innerhalb der übrigen Genossen eine Gemeinschaft für sich, die aber dem allgemeinen Interesse mit höchstem Eifer diente. In den Versammlungen waren sie die Wortführer, wozu ihre Bildung und ihre Lebensverhältnisse sie besonders geeignet machten. Jeder von ihnen hätte nach Geburt, Vermögen und Rang die angenehmste gesellschaftliche Position anstreben und erreichen können, wie sie jungen Aerzten, Juristen, Gelehrten sich leicht erschließt. Jeder von ihnen aber kannte nur ein Ziel, der Sache ihres unglücklichen, verfolgten Stammes sich zu widmeil. Das bildete auch den Gegenstand ihrer Gespräche, wenn sie wie heute nur im vertrauten Freundeskreise beisammen waren. Man erwartete daher mit Ungeduld Rosenfeld's Mittheilungen. „Laß hören, was Rakenius schreibt," ries Sternberg. Heinrich sah in den Brief. „Er schreibt: Ich kann Deine Verstimmung vollständig begreifen und Dir nachfühlen, lieber Rosenfeld. Es gehört eine Selbstentäußerung dazu, wie sie stolze Naturen, Menschen von Geist und Gemüth, starke Individualitäten nicht aufbringen können und meinem