Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111911--1133-3112106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 „Ich komme Euch einen Ganzen!" „Prosit!" „Prosit!" Sie stießen an und die kleine Verstimmung, die Platz zu greifen gedroht, war damit vollständig beseitigt. Gleich darauf nahm Dr. Rosenfeld einen Brief aus einer Mappe und sagte: „Ich habe Euch ein sehr merkwürdiges Schreiben mitgebracht, das ich heute von Franz Rakenius ans Frankfurt um Main erhielt. Er weilt einige Tage bei seinen Verwandten zu Besuch, bevor er sich für Ostafrika zur Verfügung stellt. Ihr wißt, daß er ein gläubiger Protestant' ist, der Sohn eines Pastors und einer durch und durch kirchlich gesinnten Familie zugehörig. Sein Großvater war Superintendent, sein Onkel ist der berühmte Kirchenrechtslehrer in Halle, und es scheint mir bemerkenswerth, was ein Angehöriger dieses Kreises über unsere Sache sagt." Er hatte mit leiser Stimme gesprochen und faltete den Brief auseinander. Dann ließ er den Blick auf die Anwesenden umherschweifen. Spannung und Erwartung lag auf allen Gesichtern. Man wußte, daß vor Jahren, in den ersten Semestern ihrer Studienzeit, eine innige Freundschaft zwischen Rosenfeld und Rakenius bestanden hatte. Sie hörten zusammen dieselben Vorlesungen, bereiteten sich zugleich für das Examen vor und hatten ihren philosophischen Doktor an demselben Tage gemacht. Rakenius ging dann zur Fortsetzung seiner theologischen Specialstudien nach Halle, während Rosenfeld in Berlin blieb. Schon als Student hatte er bei dem immer stärker werdenden Antisemitismus sich für die verschiedenen Bestrebungen, eine Milderung und Besserung dieser unwürdigen Zustände herbeizuführen, interessirt. Er besuchte Versammlungen, schloß sich verschiedenen Vereinen an, war auch eine Zeit lang Zionist und griff mit Begeisterung schließlich die Idee auf, den verfolgten Juden durch Begründung von Ackerbaukolonien in Palästina Zufluchtsstätten Zu bereiten. Ob andere tiefere Ideen in ihm ruhten, wußte man nicht, aber er hatte dann diese Ideen in sich umgestaltet und später eine ansehnliche Schaar Gleichgesinnter um sich versammelt. Nicht nur die armen verhetzten Söhne des Ostens, die unter Hunger und Qual, unter Verachtung und Hohn