Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 49)
- Language
- German
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180 Am 23. Dezember hatten einige junge Männer sich bei Hugo Benas versammelt. Sie saßen in dem geräumigen, behaglichen Arbeitszimmer seiner in der zweiten Etage des väterlichen Hauses belegenen Wohnung. Man war in erregter Debatte begriffen, als Dr. Heinrich Rosenfeld eintrat. „So spät, Heinrich", rief einer der Jünglinge ihm zu. Er blickte auf die Versammelten. Intelligente, scharf geschnittene Gesichter. In zweien war der Rassentypus stark ausgeprägt, bei den andern hätte auch der schärfste Blick keine Merkmale zu erkennen vermocht, die auf eine besondere Art hingewiesen hätten. Blond, blauäugig, breitschultrig. Zu ihnen gehörte er ebenfalls. Niemand hätte in ihm den Juden vermuthet. „Wir erwarten Dich schon seit einer halben Stunde, Magnus sagte, Du wolltest um 8 Uhr da sein," rief ihm Hugo zu und zog seine Uhr. „Es ist halb neun." „Professor Misotakis hat mich im orientalischen Seminar aufgehalten." Er legte bei diesen Worten einige Bücher und Hefte auf den Tisch. Dann zog er seinen Paletot aus, den einer der Anwesenden ihm diensteifrig abnahm. „Hast Du bis jetzt gearbeitet?" Eine zärtliche Besorgniß klang aus Hugo's Stimme. „Komm, setze Dich hierher," erwies aus einen bequemen Fauteuil, der in der Nähe des Kamins stand, „es ist sehr kalt heute Abend, und ich wette, daß Du halb erfroren bist, ohne es nur zu merken." Alle lachten, nur um Rosenfeld's Lippen huschte ein schwermüthiges Lächeln. „Da magst Durecht haben, Hugo! Ich bin rasch gegangen, in Gedanken versunken, und man merkt die äußeren Einwirkungen der Temperatur nicht, wenn man innerlich mit anderen Dingen beschäftigt ist." „Ich wette, Heinrich wandelte unter Cedern und Palmen, als er unter den schneebeladencn Bäumen die Linden entlang durch den Thiergarten hierherging," rief lachend ein sehr brünetter junger Mann, indem er seinen schwarzen Schnurrbart aufwärts drehte und sein goldenes Pincenez dichter an die kurzsichtigen Augen schob. Ein cigenthümlicher Blick Rosenfelds traf ihn. In seinen