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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 171

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 171 (sequence 40)
Language
German
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171 Nur das Dazwischentreten der Mutter hatte sie vor weiteren Unüberlegtheiten bewahrt. „Unsere Cousine Betti, Frau Amtsgerichtsrath Lesser, hat eine entzückende Stimme." „Das hat mir Fräulein Rita bereits erzählt." „O, Rita, Du unterhälst unseren Gast von den Talenten der Familie?" scherzte die Mutter. „Vortrefflich, Frau Geheimräthin! Ich habe das lebhafteste Interesse daran und bin Ihrem Fräulein Tochter wahrhaft dankbar." Ein fester, haftender Blick traf sie. Sie erwiderte ihn und ihre Augen ruhten in einander. Dann verneigte sie sich stumm und ging in den Musiksaal. Bald darauf erklang Schuberts „Wanderer" in meisterhaftem Vortrag. „Und immer fragte die Sehnsucht, wo?" erscholl es mit schwermüthigem Tone. „Die Sehnsucht, wo?" Er schüttelte sein Haupt, wie in Abwehr eines trübsinnigen Gedankens. Weilen hatte sich von seinen Gastgebern verabschiedet mit dem Versprechen, bald wiederzukommen. Der Geheimrath und seine Frau hatten ihn beide gleich liebenswürdig dazu aufgefordert. Die andern Gäste blieben noch plaudernd zusammen. Man hatte sich im kleinen Salon bei einem Glase Pilsener niedergelassen. „Du kannst sagen, was Du willst, Benas, gemüthlicher ist es doch, wenn wir unter uns sind," sagte der Baumeister Freudenthal. „Du bist zu exclusiv, lieber Ist," nahm Frau Fanui das Wort. „Ich bin gewiß die letzte, die für gemischten Chor plaidirt, seit man uns so deutlich zu erkennen gegeben hat, daß man unsere Stimme nicht gern hört, aber der Rcgierungsrath hat durchaus nichts, was mir im Verkehr störend und fremd erschienen wäre. Schon am ersten Abend, als er sich einführte, fand er den rechten Ton und zeigte sich wie ein Zugehöriger. Im Grunde genommen ist er es auch. Blut läßt sich nicht verleugnen."

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