Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 41)
- Language
- German
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172 „Er hat sich aber lange Zeit genommen, sich darauf zu besinnen" . . . spöttelte der Amtsgerichtsrath. „Gott, bis sich eine geeignete Gelegenheit fand. Woher sollte er auch wissen, daß sich unter den Namen Friedheim und Lesser Verwandte bergen, er ist als Knabe fortgekommen und hat dann nie eine Veranlassung zur Anknüpfung gehabt," fagte' der Geheimrath. „Dich, lieber Friedheim, kennt der Mann aus Deinen Commentaren, Lesser aus seiuer Concursordnung, Eure Namen sind dem Juristen bekannt, aber man recherchirt dabei doch nicht auf etwaige — Mischpoche! Es hat ihn offenbar sehr gefreut, in Euch auch diese angenehme Zugabe zu finden." Er lachte jovial. „Das liegt in der menschlichen Natur überhaupt und ist bei uns ein ganz besonders ausgebildeter Zug, sich zu freuen, wenn in der Familie jemand zu besonderem Ansehen gelangt. Und er wird das auch nicht verleugnen. Warum? Die Entfremdung verändert nichts an der eingeborenen Natur." „Aber Gewohnheit und Erziehung. Wer sich ausschließt und entfremdet, ist ausgeschlossen und wird fremd," sagte der Baumeister. „Weilen ist kein Beweis dafür. Was ihn hierher geführt, spricht doch eher für das Gegentheil." „Eine Laune, Papa! Eine romantische Grille," warf Hugo höhnisch ein. „Dich darf man in solchen Dingen nicht hören, weil Dein Standpunkt Dich blind macht und fanatisch." „Uebrigens ist es keine so aufregende Angelegenheit, daß er herkam," sagte der Justizrath. „Das konntest Du sagen, vor Jahren, nicht heut. Wer heute zu uns kommt, und sich zu uns bekennt, gehört zu uns." „Wenn Ihr Euch nur endlich davon frei machen wolltet. Alles katastrophal aufzubauschen, was entfernt mit der Judenfrage zusammenhängt. Ich finde es wirklich so grenzenlos gleichgültig, ob jemand kommt oder geht, wie er kommt und geht, was er denkt und thut. Das ist doch nur eine Privatangelegenheit ... ein Einzelfall." „Jeder Einzelfall ist in jetziger Zeit die Sache Aller," rief Hugo. Ein düsteres Feuer glomm in seinen Augen. „Und ehe wir uns versehen, ist man wieder mitten drin