Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Eine flammende Rothe bedeckte ihr Gesicht, und in ihren Augen schimmerte es von verhaltenen Thränen. Bis wohin hatte sie das Gespräch geführt? Bis an die äußerste Grenze, wo sie ihn verletzen und treffen mußte! Hilflos blickte sie ihn an und vermochte kein Wort herauszubringen, endlich stammelte sie: „O, nein .... daß ... ich ... . das sagt man gewiß nicht . . . ich . . ." „Warum sollte man es nicht sagen? In Wirklichkeit mag es diesen Herren nicht leicht geworden sein, die ihnen gebührende Stellung zu erringen, und darum wurde es mit besonderer Genugthuung ausgenommen, nicht nur von der Familie, sondern von der Gemeinde, vom ganzen Stamme. Ich habe das nun einmal von einer ganz unbefangenen, nicht verbitterten Seite gehört . . ." Sie sah ihn mit weiten, zweifelnden Blicken an. „Oder sind Sie das nicht, Fräulein Rita?" „Nicht mehr!" gab sie mit leisem Seufzer zurück. In diesem Augenblick trat die Mutter an sie heran. „Rita, Betti will uns etwas Vorsingen? Möchtest Du sie begleiten?" Sie sprang empor, wie erlöst von bangem Zwange. „Gern, Mama!" Er betrachtete sie mit heimlichem Lächeln. Sie merkte es wohl, und auf's Neue bemächtigte sich ihrer eine ängstliche Scheu. Was mochte er nur von ihr denken? Daß sie unüberlegt und schwatzhaft wie ein thörichtes Kind an Dinge rührte, die peinliche Erörterungen nach sich ziehen mußten, Fragen, die alle mit feinem Takte umgingen, nur sie nicht — sie nicht, die die letzte wäre, die ihn kränken wollte. Wenn das Hugo gesagt hätte . . . wie würde sie gezürnt haben, und dabei wäre das noch begreiflich gewesen, aber sie . . . ist es denn wie ein Verhängniß, wie ein Fluch, daß alles dahin drängt? . . . Daß man wie im Banne dieser Fragen steht, lebt und denkt? Daß die harmloseste Unterhaltung, ohne daß man es will oder beabsichtigt, plötzlich eine Wendung nimmt, die Allem, was man sagt, eine doppelte Bedeutung giebt, eine anzügliche, angreifende . . . nichts lag ihr ferner wie dies, und nun war es doch geschehen.