Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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169 hielt erschreckt inne. Wozu hatte sie sich sortreißen lassen? Das alte Leid, der alte Schmerz ihres Volkes, der in jeder Generation auf's Neue 'emporschießt, hatte sie überwältigt, und vor einem Fremden, vor diesem Fremden hatte sie das urewige Klagelied angestimmt. Sie sah ihn zaghaft an, mit verwirrten Mienen. „Warum sprechen Sie nicht weiter, Fräulein Rita, oder darf ich wieder wie neulich, liebe Cousine sagen? Sie haben keine Ahnung, wie sehr mich das interessiert. Ich bin übrigens Professor Biedermann auch schon begegnet, habe mich aber nicht als Vetter vorgestellt." „So?" sagte sie plötzlich sehr kühl. „Sie dürfen mich nicht mißverstehen. Sehen Sie, alle diese Vettern, von denen Sie vorhin sprachen .... man gab mir deutlich genug zu verstehen, daß man auf mich verzichtet, denn sonst hätte doch einer oder der andere von ihnen, die in gleicher Lebensstellung wie ich leben, einmal sich meiner erinnern können." „Wie sollten sie, Herr Doktor?" ries sie eifrig. „Sie sind ungerecht! Sie sind es, der sich der Zusammengehörigkeit entzog ... so ganz und gar, so unwiederruflich" . . . wieder stockte sie. „Glauben Sie, daß vorurtheilslose Männer mir das nachtragen?" „Das glaube ich nicht, aber was sollte sie veranlassen, sich Ihnen zu nähern? Für diejenigen, die der Familie bedürfen, ist diese immer zu finden. Und es giebt deren viele, ach so viele, mehr fast als die andern, die etwas erreicht haben im Leben. Da stellt sich immer eine Gemeinsamkeit ein, und das ist auch der dauernde Contakt, der alle verbindet. Und bei solchen Anlässen hört man von dem und jenem etwas und freut sich, wenn es Gutes und Großes ist. Besonders Mama ist sehr genau unterrichtet und eifrig bemüht, festzustellen, wenn wieder jemand emporgekommen ist zu Ansehn und Ehre. Und jetzt, Herr Doktor, spricht man häufiger davon' als früher. Man erzählt es sich, wie zum Tröste, zur Beruhigung, daß der oder jener etwas erreicht hat, wenn es auch nur das wohlverdiente ist, ohne .... ohne . ." „Sagen Sie es doch gerade heraus, ohne Opfer."