Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 36)
- Language
- German
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167 „Dadurch büßt aber die Wohlthätigkeit sehr viel ein und die Oeffentlichkeit." „Freudenthal läßt die Wohlthätigkeit dabei nichts verlieren," sagte der Amtsgerichtsrath. „Er ist sehr reich und giebt mit vollen Händen, überall, nur der Oeffentlichkeit glaubt er nichts mehr geben zu müssen. Das wundervolle Talent seiner Frau hat er geborgen, seit es einmal begeifert wurde. Sein Geld kann er unbemerkt ausstreuen, die Kunst seiner Frau muß er verbergen, wenn sie nicht die Beachtung aller Welt auf sich lenken l'oll." „Aber das ist egoistisch." „Vielleicht! Er ist etwas Sonderling. Die Ehe ist kinderlos, und er sieht in seiner Frau Alles. Weib und Kind zugleich." „Und hat sie sich leicht entschlossen, dem Zauber der Oeffentlichkeit zu entsagen? Ihr Name hatte einen Weltruf." „Freudenthal hat sie in die beste aller Welten versetzt" . . . lachte der Justizrath, „in ein behütetes, zartes, liebevolles Eheleben. Er vergöttert sie und legt ihr so viel Lorbeern und Diamanten zu Füßen, wie nur je eine Künstlerin eingeheimst hat. Lorbeern, ein ganzes Wäldchen an ihrer Villa in Nizza und Brillanten . . . na, davon müßten Sie sich von den Damen etwas erzählen lassen, die verstehen das!" Die etwas sarkastische Art des Justizraths machte ihm viel Vergnügen, und er sagte: „Das möchte ich wirklich, jedenfalls will ich die Damen aufsuchen." Die letzten Töne des Feuerzaubers waren verklungen. Er hatte sich geräuschlos erhoben und ging nach dem Zimmer der Gehcimräthin, durch dessen geöffnete Thür, er Rita bemerkt hatte. Sie lauschte, in stille Träumereien versenkt, dem Spiel und fuhr empor, als er, plötzlich neben ihr stehend, fragte: „Sind sie auch musikalisch, Fräulein Rita?" „O, ja! Ein wenig. In unserer Familie wird viel musiziert. Es ist eine so wundervolle Anregung und es ist sehr viel Begabung dafür vorhanden. Ich spreche nicht von Flora Freudenthal, die nur augeheirathet ist, aber Frau Amtsgerichtsrath Lesser, eine Cousine meiner Mutter und des Justiz-