Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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166 widerte dann schlagfertig: „Es geht uns dann so wie den Negierung!" „Wir können uns keine angenehnieren Leidensgefährten wünschen," sagte Weilen galant und hob sein Glas, um mit ihr anzustoßen. Es war unvermeidlich, daß die Unterhaltung hin und wieder eine Wendung nahm, die manchmal gewisse Anspielungen herausforderte, so sehr man bemüht war, das Gespräch mehr um literarische und künstlerische Fragen zu gruppiren als um politische. In einem Kreise geistig hochstehender Männer ist das aber schwer, und die dazu gehörigen Damen schienen mit den Tagesfragen auch völlig vertraut. Mit richtigem Takt und Geschmack wußten sie jedoch Alles zu vermeiden, was provokant hätte erscheinen können. Und wenn sie auch witzig und geistvoll ihre Ansichten aussprachen, so lief nichts unter, was chn hätte verletzen können. Als die Tafel aufgehoben wurde, war man in animirtester Stimmung. Das angeborene Temperament kam dabei deutlicher zur Geltung. Nicht weniger beim Regierungsrath, wie bei allen übrigen. Friedheim, Lesser und Weilen saßen plaudernd beim schwarzen Kaffee im Rauchzimmer. Der Geheimrath und Baumeister Freudenthal besichiigten den Grundriß einer Villa am Wannsee, die diesem zum Kauf augeboten war. Die Damen und die beiden jungen Herren hatten sich in den Musiksaal begeben, und bald erschallte von dort in meisterhaftem Vortrag Wagners Feuerzauber. „Wer spielt so künstlerisch?" fragte der Regierungsrath. „Frau Baumeister Freudenthal. Sie war eine berühmte Virtuosin, als mein Vetter sie heirathete. Vielleicht haben sie ihren Künstlernamen gehört: Flora Bensheimer." „O, natürlich! Die gefeierte Pianistin?" fragte er interessiert, „und sie ist die Gattin des Herrn Baumeisters? Hat der Kunst entsagt?" „Soweit sie nicht den Familienkreis damit erfreut. Als unser Vetter sie vor 10 Jahren heirathete, spielte sie noch daun und wann öffentlich zu wohlthätigen Veranstaltungen, aber auch das hat sie in den letzten Jahren aufgegeben" ...