Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 34)
- Language
- German
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165 bare Silber, die exquisiten Weine und erlesenen Speisen schienen ihnen so zu entsprechen, wie den aristokratischen Gesellschaften, in denen er sonst verkehrte. Der Glanz, von dem sie umgeben waren, erfüllte ihn mit Befriedigung, nicht um dieses Reichthums willen, sondern um der Art, wie sie ihn trugen. Er fühlte sich zu ihnen hingezogen, sich ihnen geistesverwandt. Besonders Justizrath Or. Friedheirn war ihm sehr interessant. Ein Vetter von Frau Benas väterlicherseits. Ein Mann mit starkem, charakteristischem Kopf auf einem kleinen, untersetzten Körper. Er war durch seine hervorragenden Kommentare zum Handelsgesetzbuch in der juristischen Welt wohlbekannt und hatte während der vorletzten Reichstagsperiode eine hervorragende Rolle gespielt in der nationalliberalen Partei. Eine Wiederwahl hatte er dann abgelehnt unter dem Vorwände seiner angegriffenen Gesundheit. Wer den überaus rüstigen, im besten Mannesalter stehenden Mann sah, konnte sich jedoch leicht sagen, daß andere, tiefer liegende, unausgesprochene Gründe diesen thatkräftigen, bedeutenden Politiker dem Arbeiten fürs Vaterland entfremdet hatten. . Ihm zur Linken saß die Hausfrau, die Weilen zu Tisch geführt hatte, während Frau Amtsgerichtsrath Lesser die Tischdame des Justizrathes war. Eine hübsche Blondine mit prachtvollen Zähnen, einem lebhaften Gesicht und etwas temperamentvollen Bewegungen. Sie beklagte sich soeben bei ihrem Nachbar, daß es jetzt gar nicht mehr möglich sei, in den Reichstag zu kommen, seitdem er nicht mehr Abgeordneter sei. „Man ist eben zu gar nichts mehr gut, theuerste Frau Cousine," hatte er darauf erwidert, „aber es bedarf nur einer Meldung beim Bureau" . . . „Das ist so umständlich. Früher war es so nett, man saß in der Abgeordnetenloge . . . hörte Bebel und Eugen Richter." Mit komischem Erschrecken sah sie Weilen an. „Pardon, Herr Regierungsrath." „Die Regierung ist an schlimmere Dinge gewöhnt" . . . scherzte der Justizrath. Nur einen Augenblick war sie in Verlegenheit und er-