Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Als Weilen auf die Straße trat, trieb ein Windstoß ihm die Schneestocken ins Gesicht, die lustig umherwirbelten. Kleine, spitze Eiskrystalle setzten sich in seinem Bart fest und blendeten die Augen. Er schlug den Kragen seines Pelzes hoch und rief eine vorüberfahrende Droschke an. Einen Augenblick zögerte er, bevor er die Richtung angab. Er war noch nicht in der Stimmung, nach Hause zu fahren, zog seine Uhr und sah beim Schein der Wagenlaterne, daß es nahe zu elf war. „Wie rasch die Zeit dort oben verstrichen," murmelte er vor sich hin. „In der Klause treffe ich noch ein paar Kollegen oder im Kaiserhof." Aber grade im Begriff einzusteigen, suhlte er, daß er eigentlich gar kein Bedürfniß nach Gesellschaft habe und so ließ er sich doch nach seiner im oberen Theil der Wilhelmstraße gelegenen Wohnung fahren. Dort angelangt zündete er die Lampe auf seinem Schreibtisch an in der Absicht, noch ein Stündchen zu arbeiten. Aber bald warf er die Feder weg ... es fehlte ihm an Geduld und Stimmung. Er ging im Zimmer auf und ab, um sich zu sammeln. „Merkwürdig! Wie viel Vornehmheit, Würde und Selbstgefühl . . . dabei gar nichts Protziges und Arrogantes ..." sprach er leise zu sich selbst. „Der Alte . . . Gott, vielleicht einen kleinen Stich, aber auch sehr beherrscht, kaum daß mal etwas durchscheint. Und die Frau — ganz comiue il faut . . . ladylike . . . meine Frau Cousine! Warum auch nicht? Die Friedländer's sind alter Adel! Im Sohne brodelt das mütterliche Blnt! Armer Junge! Was muß so ein preußischer Referendar und Gardesoldat für Erfahrungen und Beobachtungen gemacht haben, ehe er dahin gelangte, so schroff und ablehnend zu sein? Bei diesem fürstlichen Vermögen, das ihm trotz alledem und alledem jede Pforte erschließen könnte, besonders die, an der man in seinem Alter am liebsten Einlaß begehrt. Statt dessen halb Märtyrer, halb Held, macht er sich seine eigenen Ideale . . . Interessanter Mensch und offenbar sehr begabt und muthig! Wie er immer mit klaren Worten seine Anschauungen kundgab — etwas aggressiv sogar — offenbar um mir zu zeigen, daß ich ihm — absolut nicht imponire. Netter Junge . . . und die