Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 25)
- Language
- German
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156 wenn es mir auch auffiel. Ihnen und den Ihrigen niemals dort zu begegnen, wo gemeinsame Beziehungen uns hätten zusammenführen können, in gewissen Kreisen der Gesellschaft, der Sie doch eigentlich angehören ..." „Wir haben in den letzten Jahren von jedem Verkehr außerhalb der Familie und einiger Freunde uns zurückgezogen," sagte Frau Fanny. „Aber Ihre Stellung legt Ihnen doch gesellschaftliche Pflichten auf." „Man bemerkt es heute zu Tage kaum, will es vielleicht nicht bemerken-, wenn man sich diesen Pflichten entzieht." Ein halb ironischer, halb schmerzlicher Ton war in der Stimme des Geheimraths. „Früher gehörten unsere Feste zu den hübschesten, elegantesten und amüsantesten. Meine Frau verstand sich darauf, und wir waren stets erfreut, fröhliche, geistig hochstehende, repräsentative, lebenslustige Menschen bei uns zu sehen. Jetzt beschränken wir uns auf irgend ein steifes, officielles Diner, das nicht umgangen werden kann wegen meiner geschäftlichen Beziehungen zu den leitenden Kreisen der baute tinance." „Wir haben uns daran gewöhnt und vermissen es nicht," fügte Frau Fanny hinzu. „Die weiten Räume unseres Hauses, die früher von heiterer Gesellschaft widerhallten, sind still geworden. Aber ein intimeres, innigeres Leben ist an ihre Stelle getreten. Ich persönlich würde es gar nicht empfinden, es ist mir nur manchmal um unserer Tochter willen leid, daß sie von den Anregungen und der Schönheit dieser Feste nichts genossen. Sie war damals noch nicht eingeführt." „Aber, liebe Mama, ich habe Dir so oft gesagt, daß ich gar kein Verlangen danach trage. Eure Güte gestaltet mein Leben so überreich. Was es Schönes, Großes, Bedeutendes giebt, genieße ich." „Es war aber doch etwas ganz anderes, als die Persönlichkeiten bei uns ein- und ausgingen, gewissermaßen zu uns gehörten, unsere Gäste waren, die das Schöne und Große bieten, von dein Du sprichst. Die hervorragendsten Künstler und Künstlerinnen, ebenso die Männer der Wissenschaft verkehrten bei uns."