Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 155

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 155 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111074-3111911--1105-3112078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

155 über das sie trotz all seiner weltmännischen Liebenswürdigkeit nicht hinaus zu kommen vermochten. Und Jeder von ihnen legte sich die Frage vor, was sein Besuch Wohl sür einen Zweck habe? Als empfände er diese unausgesprochene Frage, sagte er jetzt: „Wir sind, wie das natürlich ist, wenn Angehörige derselben Familie sich zum ersten Male begegnen, bald hineingerathen in, das gemeinsame Interesse. Und so von einem zum andern abschweifend habe ich Ihnen noch garnicht gesagt, was mich zu Ihnen geführt hat." Er überlegte einen Augenblick, als suche er nach dem rechten Wort. „Als ich die Notiz über die Geburtstagsfeier von Leopold Friedländer las, da überkam mich plötzlich der Wunsch, dieses Fest mitzufeiern. Wie eine geheime Sehnsucht nach .... nach der Heimath! Meine Knabcnzeit trat vor mich hin ... ich sah den Onkel vor mir, wie ich ihn damals gesehen, die Jahre der Entsiemdung verschwanden vor meinem geistigen Auge. Die sanfte, zaghafte Stimme klang an meinem geistigen Ohr wieder, ich fühlte die segnende Hand auf meinem Haupt und vernahm die Worte seines Segensspruchcs in der Sprache unsres Volkes. Vergessen schien mir, was dazwischen lag und ich bedurfte einer geraumen Zeit, bis ich mich auf das Heute besann. Aber das hat den Wunsch, der einmal in mir wach geworden, nicht ausgelöscht und seit jenem Tage beschäftigte ich mich mit der Möglichkeit seiner Erfüllung." Eine eigene Spannung hatte sich des kleinen Kreises bemächtigt. In wachsendem Staunen waren sie seinen Worten gefolgt und Niemand dachte daran, ihn und sich selbst der Stimmung zu entreißen, die sie Alle erfaßt hatte. „Daß ich es nicht wagen durfte, aufs Geradewohl mich den Familienmitgliedern zu gesellen, die sich an diesem Ehrentage um ihn schaaren werden, war mir klar. Ich hatte dieses Recht nach den Traditionen unserer Familie verwirkt, dennoch hoffte ich, unter der jüngeren Generation das Verständniß zu sinden und die Fürsprache, deren ich bedurfte. Von Ihrem Hanse hatte ich öfter sprechen hören, ich sah Ihren Namen, Herr Gcheimrath, bei allen wohlthätigen und gemeinnützigen Unternehmungen stets an erster Stelle und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.