Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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154 er das sagte und sie erwiderte einfach: „Sie werden dessen nicht bedürfen, Herr Doktor." „Bitte, sagen Sie — lieber Vetter!" Ein Moment des Zögerns. „Sie werden dessen nicht bedürfen, lieber Vetter!" „Aber ich kann auf Sie^ zählen, wenn es der Fall sein sollte, gewiß?" „Gewiß!" Dann waren sie an den Theetisch zurückgekehrt. Rita etwas befangen, er voll guter Laune. „Dieser Stammbaum ist hochinteressant, Herr Geheimrath," sagte er. „Sie werden mir wohl gestatten, ihn in allen Details zu studiren. Aber schon so auf den ersten Blick macht er einen ganz imposanten Eindruck. , Da unten aus dem Wurzelwerk, Generationen abwärts, das auch schon Namen trägt, zu wuchtigen, knorrigem Stamm sich ausbildend, der Vater Rabbi Eliesers, Rabbi Melr, eine Leuchte der Talmudgelehrsamkeit, eine Persönlichkeit schon in jenen Zeiten. Dann aus der Schaar seiner Kinder wieder einer zu starker Eigenart und großem Wissen aufragend, Rabbi Elieser, und von ihm und seiner Nachkommenschaft ausgehend. das dichte Gezweig, das bei Leopold Friedländer nochmals zur Besonderheit sich auswächst und so weiter, bis zu breiter, weit ausladender Baumkrone, in der Blatt und Blüthe in reicher Fülle sich drängen." Rita's Augen hingen an seinen Lippen. Sie war in nervöser Unruhe und erwartete, daß er auf den abgebrochenen Zweig kommen würde. Aber er sagte nichts, nur fest und vielsagend heftete er sein Auge auf sie. Ein erleichterter Athemzug hob ihre Brust. „Es hat mir wirklich große Freude bereitet, als ich die Arbeit fertig sah," bemerkte der Geheimrath, „und meine Frau hat sie mit großem Enthusiasmus ausgenommen." „Das kann ich mir wohl denken." Sie fühlten, daß es ihrem Gaste ernst war mit allem, was er sagte, dennoch wurden sie ein Gefühl der Befremdung nicht los. Er hatte sich gar zu eigenthümlich bei ihnen eingeführt. Diese Doppelstellung zwischen näher Verwandtschaft und völliger Entfremdung hatte etwas innerlich Erzwungenes,