Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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151 aus bunter florentinischer Holzarbeit, Intarsien aus dem 16. Jahrhundert, der Stammbaum. Auch hier der große Stil des Hauses und doch etwas Trauliches, Anheimelndes in dem mit seinem Geschmack ausgestatteten Raum. Nicht ein Boudoir im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern ein Frauengemach, das neben dem Luxus auch etwas schlicht Weibliches verrieth. Ein bläuliches Dämmerlicht aus irisirender Ampel beleuchtete das heute nicht benutzte Zimmer nur matt. Rita entflammte das elektrische Licht, das links in einer alterthümlichen Ampel angebracht war und ein Heller Schein fiel aus die große Tafel, die fast die ganze Wandfläche einnahm. Sie standen beide eine Weile davor, ohne ein Wort zu sprechen. Weilen schien ganz in Betrachtung versunken, dann setzte er, wie um besser sehen zu können, sein Pincenez auf. „Also das ist der alte Stamm! So sieht er aus, so hat unser Geschlecht sich ausgedehnt, verbreitet nach allen Seiten. Wie merkwürdig und wie interessant!" Wieder versank er in nachdenkliches Schweigen nnd trat näher an das Bild heran, um es genauer in seinen Einzelheiten studiren zu können. Es war, als hätte er die Anwesenheit Rita's ganz vergessen und sie verhielt sich still, um ihn -nicht zu stören. „Eigenthümlich," sagte er halblaut, „wer Hütte das gedacht? Bis man es einmal so vor sich sieht, hat man gar keine Vorstellung, was so ein alter Stamm für gewaltige Triebkraft besitzt." Er neigte sich nach der rechten Seite über das Bild, las dort einige Namen und dann seiner Versunkenheit sich entreißend, wendete er sich an das junge Mädchen: „Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, daß ich mich in den Anblick so vertiefte, aber das ist so überraschend. Haben Sie für diese Entwicklungsgeschichte der Familie auch Interesse?" „Ganz gewiß, Herr Doktor, ich bin von Jugend auf daran gewöhnt und meine Mutter hat mich immer mit den Einzelheiten und den Ereignissen innerhalb der Familie vertraut gemacht."