Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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152 „Und Sie kennen die Basen und Vettern persönlich?" „Viele von ihnen." „In, welchen Lebensstellungen befinden sie sich?" „In allen möglichen, Herr Regierungsrath, sehen Sie nur diese vielen Zweige und Verästlungen. Da ist kaum ein Beruf, dem nicht Einer oder der Andere angehört. Juristen, Aerzte, Privatdozenten, Kaufleute, sehr gut situirte und minder begüterte, wir haben einen Vetter, der Afrikaforscher ist, einen anderen, der sich einer Nordpolexpedition angeschlossen hat. Und die Cousinen sind durch Verheirathung ebenfalls in die verschiedensten Kreise hineingekommen. Unter unseren angeheiratheten Vettern haben wir Baumeister, Gymnasialprofessoren, Zahn- und Thierärzte, Ingenieure, Fabrikanten. Ich glaube, wir brauchen aus der Familie nicht hinauszugehen, um Alles zu finden, nur . . ." Sie unterbrach sich plötzlich in ihren mit anmuthiger Schalkhaftigkeit vorgebrachten Erklärungen und sah ihn mit großen Augen verlegen an. „Nun, Fräulein Rita, was fehlt? Welcher Zweig an des Lebens goldenem Baum?" Eine flammende Röthe stieg in ihrem Gesicht auf, das in seiner rathlosen Schüchternheit ihm besonders hübsch erschien. „Ich will es Ihnen sagen. Sehen Sie hier rechts," er wies mit dem Finger nach einer Stelle, „da der Name Goldine, der letzte der vierzehn Zweige, die dem Rabbi Elieser entsprossen, sich mit dem Namen Hermann Weilen vereinend — meine Eltern und da, der abgebrochene Ast, ganz symbolistisch, sehen Sie nur . . . namenlos, das soll ich sein." Eine beklemmende Angst hatte sich ihrer bemächtigt. „O, Herr Regierungsrath," stammelte sie. „Herr Regierungsrath. Sie haben Recht! Der Vetterschast hat man mich verlustig erklärt auf diesem Stammbaum. Ein namenloses, abgebrochenes Reis!" Es war mehr Wehmuth als Bitterkeit in seinen Worten und das gab ihr den Muth zu sagen: „Das geschah sicherlich nur absichtslos. Man wußte nichts von Ihnen in der Familie, man nahm wohl an, daß