Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111911--1098-3112071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
148 gesprochen worden. Auch von der außergewöhnlichen Begabung ihres Sohnes Victor und auch davon, daß Ihr Herr Vater sich von der Familie gänzlich ferngehalten hat nach dem Tode seiner Frau." „Ich kenne die Ursachen nicht, nur das Resultat, daß ich meinen Verwandten mütterlicherseits völlig entfremdet und nach dem Ableben meines Vaters ganz vereinsamt war." „Aber Sie hätten sich der Familie wieder zuwenden können." „Daran denkt man nicht, wenn man jung ist, materiell unabhängig, wozu mein väterliches Erbe mich machte, und im Kreise seiner Commilitonen eine neue Familie gefunden zu haben glaubt. Ich gehörte einem der angesehensten Corps an und wurde, mit 21 Jahren majorenn erklärt, früh mein eigener Herr. Wie eine versunkene Welt erschien meine Knabenzeit mir mit meinen Erinnerungen an die Mutter und an ihre Angehörigen. Selten klang ein Ton daraus empor. Ich habe meine Mutter sehr geliebt, aber in diesen Jahren glaubt man sentimentalen Regungen nicht nachgeben zu dürfen und es schien mir männlicher, meinen Schmerz still in mir zu verschließen. Der Familie gegenüber kam es wie ein gewisser Trotz und Stolz über mich. Niemand hatte nach mir gefragt in all der Zeit, weshalb mich also aufdrängen? Ich glaubte, das nicht nöthig zu haben. Mit ihren Anschauungen stand ich vermuthlich ja doch im schroffen Gegensatz. Mein Leben hatte seit dem Tode der Mutter sich in ganz anderen Kreisen abgespielt. Ich bekenne, daß ich, selbst wenn ich in späteren Jahren nach Posen kam, um das Grab der Mutter zu besuchen, niemals daran dachte, mich der Familie zu nähern." Von den verschiedensten Gefühlen beherrscht, folgte man seinen Worten. Der Geheimrath war auf's Aeußerste gespannt, wohin diese Aufklärungen führen sollten. In Frau Fanny erwachten die verwandtschaftlichen Gefühle, Rita lauschte mit vor innerer Erregung siebernden Wangen und Hugo blickte sinster und zweifelsüchtig aus den stattlichen Mann, der so unbefangen und aufrichtig über sich und seine Lebensverhältnisse sprach.