Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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145 Bilder, die nicht verblaßt sind im Laufe der Zeit und nicht nachgedunkelt." Rita hatte ihn unverwandt angeblickt. Jetzt reichte sie ihm die Birne hinüber. „Es wäre aber für die Ausgestaltung unseres Lebens wünschenswerther, wenn man diese Eindrücke überhaupt immer festhielte," sagte Hugo beziehungsvoll. „Das ist nicht ganz zutreffend, mein junger Freund," erwiderte er mit feinem Lächeln. „Es würde unsere Entwickelung beeinträchtigen, wenn wir uns garnicht losreißen könnten von diesen Einwirkungen. Sich recht ausleben heißt sich recht besitzen. Und nur dann können wir uns ganz empfinden und ganz genießen, wenn wir das Leben erfaßt und durchkostet haben in seiner Totalität, nicht einseitig, aus begrenzten Gesichtspunkten, sondern ins Weite hinaus, ins Allgemeine, ins Unpersönliche. So nur kann das, was in uns an Persönlichstem ruht, sich gedeihlich entwickeln und uns zum Bewußtsein gelangen." Er steckte seine ausgegangene Cigarette aufs Neue in Brand. „Aber wir gerathen auf philosophische Abwege," scherzte er: „Das ist immer der Fall, wenn die Jugend uns mit Altersweisheit kommt, Sie verzeihen, Herr College! Man fühlt sich dann gewissermaßen herausgefordert, zu beweisen, daß man nicht ganz ohne Erfahrung gelebt hat." Rita gönnte ihrem Bruder die überaus liebenswürdig ertheilte Lection. Was dachte er sich nur mit seiner unausstehlichen Laune? Einem Gaste gegenüber. „Ich habe in diesen Tagen mit Staunen, aber auch mit Freude gesehen, wie stark die Vergangenheit in mir wurzelt. Ein grünes Heft kommt mir in die Hand, mein Auge fällt zufällig aus einen Namen, dessen Klang in meinem Innern zeitweilig verstimmt schien, bis die Saite berührt, aufs Neue erklingt. Mit einem Schlage leben die alten Zeiten vor mir auf. Ich fühle mich ergriffen, die Empfindung wächst, wird lebendiger, und endlich sucht sie nach einem Ausdruck. Das führte mich zu Ihnen." „Aber wieso kommen Sie zu dieser Zeitschrift?" fragte der Kommerzienrath nur um etwas zu sagen. 10