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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 144

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 144 (sequence 13)
Language
German
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144 Es war einen Moment, als sollte eine unbehagliche Stimmung in dem kleinen Kreise Platz greifen, aber der Regierungsrath ließ sie nicht aufkommen und sagte: „Ich darf Ihnen nun Wohl auch sagen, was mir die mit besonderem Vergnügen wahrgenommene Veranlassung bot, mich bei Ihnen einzuführen?" Herr und Frau Benas sahen ihn erwartungsvoll an. Ritas Augen hingen mit sichtlichem Interesse an ihm und der Referendar schaute finster vor sich hin. „Unser gemeinsamer Onkel, gnädige Frau Cousine, Herr Leopold Friedländer, feiert in den nächsten Monaten seinen neunzigsten Geburtstag. Am Tage vor dem Osterfeste. Der Zufall führte mir vor einigen Tagen eine jüdiische Wochenschrift in die Hand, in der auf dieses seltene Fest und auf die Bedeutung Leopold Friedländers in Rawitsch hingewiesen wurde. Mir war dies uichts Neues, denn in meinem Elternhause wurde oft von dem ältesten Bruder meiner Mutter gesprochen, und ich war als Knabe auch einmal mit ihr dort, um ihn kennen zu lernen. Kurz nach meiner Einsegnung . . . nach meiner — meiner Barmizwcch. Solche Jungenderinnerungen haften. Die Mutter wollte, daß ich das Kapitel aus der Thora, zu dem ich aufgerufeu wurde, dem Onkel vortrage. Das geschah auch und der Eindruck dieser Stunde muß wohl ein sehr lebhafter gewesen sein, wenn ich ihn in den wechselvollen Ereignissen meines Lebens bewahrt habe." „Allerdings," glaubte die Kommerzienräthin bemerken zu müssen, um die Befangenheit nicht sichtbar werden zu lassen, die sich aller bemächtigt hatte. „Jugenderinnerungen wird man Wohl niemals ganz los." „Warum sollte man? Sie sind nicht das am wenigsten Beste in uns. Es giebt Lebensphasen, wo sie vor drängenderen, wichtigeren Erscheinungen in den Hintergrund treten, aber sie kehren wieder, gerade dann am stärksten, wenn wir in reiferen Jahren uns auf uns selbst besinnen, uns zu uns selbst bekennen. Wenn die Unrast des Lebens sich mildert, wenn die Daseinskämpfe nicht mehr so wild uns umtoben, wenn man seine Ziele erreicht hat. Dann sind es die Bilder der Jugendzeit, die in vollem Licht wieder vor uns auferstehen.

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