Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 11)
- Language
- German
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142 Geheimrath ging ihm einige Schritte entgegen, begrüßte ihn formell, aber sehr zuvorkommend und stellte ihn seiner Gattin und seiner Tochter Rita vor, die bei seinem Eintritt den neuesten Fontane, den sie gelesen hatte, auf eine Bücheretagere legte. Mit schnellem Blick hatte er den „Stechlin" erkannt. Unmittelbar nach dem Gaste trat aus der halbgeöffneten Thür des angrenzenden Billardzimmers ein junger Mann ein. „Mein Sohn Hugo," stellte der Geheimrath vor, „Kammergerichtsreferendar." „Ich muß nochmals Ihre Entschuldigung erbitten, gnädige Frau, daß ich zu, so später Stunde meine Aufwartung mache. Ich wollte aber, um vorher zu schicklicher Stunde meine Karte bei Ihnen abzugeben, nicht einige Tage verstreichen lassen, um mit Ihnen über eine Angelegenheit zu sprechen, die mir sehr am Herzen liegt." „Bitte, Herr Regierungsrath, das Wort Familienangelegenheit ist in unserem Hause eine Art Freibrief, der über sonst noch so streng beobachtete Formen hinweghilst. Wir haben in dieser Hinsicht die Ueberlieferungen unserer engen Heimath mit hierhergenommen in die große Welt. Das Wort Familie hat für uns einen eigenen Klang." Er verstand sehr wohl, daß sie ihm damit andeuten wollte, daß sie sehr genau wußte, was sie an gesellschaftlichen Rücksichten zu beanspruchen habe und nur aus besonderen Gründen davon absehe. Mit einer Verneigung nahm er den Platz am Theetisch ein, an dem sich jetzt auch die andern niederließen. „Ich bin Ihnen zu großem Dank für Ihre Nachsicht verpflichtet, gnädige Frau. In die übliche Visitenzeit fallen gerade meine Amtsstunden, auch wäre es möglich gewesen, daß ich Sie dann nicht ungestört hätte sprechen können und so nahm ich dieses Vorrecht für mich in Anspruch." „Bitte, Herr Regierungsrath." Rita hatte inzwischen den Thee bereitet und reichte ihm eine Schale. ■ „Danke, gnädiges Fräulein." „Eine Cigarre oder Cigarette gefällig, Herr Rath?"