Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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117 feit, Zigarren zu rauchen, denn er thut es um des Ideals willen, und Pastor Bregning, den er einweiht, wird von Bewunderung und Anerkennung so gerührt, daß er nicht weiß, was er thun soll, um Otto seinen Respekt zu bezeigen. Selbst in der lustigen Posse „In der andern Welt" schickt der armselige alte Etatsrat Frau Södring nach Jütland „um der Idee willen" und fühlt sich dadurch gehoben. Man darf nicht erwarten, bei einem Stilisten eine Lebensanschauung zu finden. Goldschmidt besitzt keine. Aber es ist auch ein Aberglaube, den unter andern Kierkegaard verbreitet hat, daß die Lebensanschauung in moralischem Sinne zuvörderst den Dichter und Künstler gestalten müsse. Viele Bücher sind nichts weiter, als Lebensfragmente und nichtsdestoweniger Kunstwerke. Man freut sich bei Goldschmidt über das vorhandene, über alles, was er in seinen Werken niedergelegt hat: ein ganzes kleines Magazin vorzüglich gemachter, scharfer und seiner, meisterlich erzählter Beobachtungen, eine ganze Skala starker, einnehmender, bewegender, herrlich wiedergegebener Stimmungen. Welche Vereinigung der Beobachtung und Stimmung findet man in der malerischen Stelle im „Raben", wo die junge Gattin im März 1848, während sie mit ihrem Manne geht, die Rekruten am Wall trifft! Hier fühlt man, welches feine, empfängliche, in allen Stimmungen abwechselnd erzitternde Instrument Goldschmidt in seiner Seele trägt. Er hat sich in unserer Litteratur ein Gebiet erobert, in dem er Meister ist. Als Politiker hat Goldschmidt durch seine Kenntniß der mittelalterlichen Unterdrückung, die er von Geburt an als Mitglied einer Pariakaste erfahren hatte, mit dem gerechten Zorn seiner Rasse gegen die Knechtschaft die Partei der Freiheit ergriffen, und dank dem freien Gesichtskreise seiner besonderen Stellung war er zugleich weniger dem Jrrtume ausgesetzt, die Freiheit mit der Partei zu verwechseln. Als Politiker, als Herausgeber eines Blattes, und als Dichter hat er kraft der Freiheit von jeder Leibeigenschaft, die sein Stammerbe bildete, allseitige Sym-