Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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116 zu reiten, alle Feinde niederzuschießen und sterbend zu fallen.." Ein anderes Beispiel bietet der Ausgang der portugiesischen Liebesgeschichte, wo der eifersüchtige Ehemann nur mit einem Blick auf die Büste seiner Frau den pflichtschuldig dienstthuenden südländischen Dolch aus seinem Gurt zieht und ihn dem Künstler ins Herz stößt. Ein drittes Beispiel bietet Jakobs Ausruf in seinem Juden: „Ich habe einen Augenblick daran gedacht, auf die Straße hinauszueilen, mit einem Messer in jeder Hand, und niederzustoßen, so lange ich mich rühren könnte." Daß Goldschmidt in seinen Bildungsromanen zuweilen seine Helden zu Offizieren macht, beweist nur, daß er den Drang empfindet, ihnen einen recht männlichen Beruf zu verleihen, während jede Stufe ihrer Entwicklungsgeschichte ihre Schwäche und Zerfallenheit beweist. Ermangeln Goldschmidts Hauptpersonen also der Kraft und des Charakters, so verleiht er ihnen als Ersatz Glauben, Begeisterung, unbeschreibliche Sehnsucht oder reiche äußere Lebenseindrücke und unbegrenzten Ehrgeiz. Sie sind nie Naturen, sie denken nie orginell, sie handeln nie mit Instinkt. Aber jeden Augenblick vergleichen sie sich selbst mit einen: selbst entworfenen, großen und formlosen Schattenbild, mit dem eigenen Ideal. Ihre Kräfte sind nur allzu begrenzt, aber ihr Ersehnen und ihr Selbstgefühl ist gleich unendlich, sie erinnern zuweilen an die Helden in „Liebe ohne Strümpfe", die Wohl klein handeln können, es aber unterlassen, große Worte zu gebrauchen. Das Ideal ist nämlich ein gutes und Willfähriges Ideal, das sich gerne übertreten läßt, um das Vergnügen zu haben, vollständigen Ablaß zu gewähren; selbst große Dinge verlieren ihre Bedeutung für denjenigen, der sich mit dem Ideal verhüllt, er nimmt es nicht so genau, mit einigen gebrochenen Verpfiichtungen oder mit einigen verlassenen Fragen. Aber andererseits erhalten kleine Dinge eine unbegrenzte Bedeutung, wenn sie um des Ideals willen gemacht werden; so erschien Otto am Schlüsse von „Heimatlos" sich selbst ungeheuer wichtig durch seine zeitweilige freiwillige Enthaltsam-