Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Stärke und Wirkung dieses Kindheitseindruckes hier in solchem Grade übertrieben, daß man das Buch mit dem Unwillen fortlegt, den man gegen Koketterie und Affektation empfindet. Wenn im „Kolerabriefe" der junge Mann, allein von seinem geheimnisvollen Glauben geleitet, daß dort in jenem Haus sich das ihm verheißene Weib befinden muß, auf das Zimmer losstürzt und die Füllung aus der Thüre schlägt, dann ist dieses kindliche Vertrauen zu einer Art von Nervenkrampf geworden, und wenn der Autor zu unserer Zeit in dem „Raben" einen dänischen Seemann in der Welt herumfahren läßt, um einen Raben zu finden und zu fangen, der, wie ihm angegeben wurde, einen Glückstein im Munde trägt, so erinnert diese weitgetriebene Unschuld lebhaft an jene berühmte Replik von Voltelen Marcus Braut: „Denke, ich bin so naiv, daß ich glaube, der Storch bringt die kleinen Kinder!" Anspruchslos und halb scherzhaft dargestellt wirkt Goldschmidt's poetischer Glaube als Glaube an den lenkenden Zufall ansprechend („Die fliegende Post", die Liebesgeschichte „Henrik und Rosalie"), aber zuweilen wird der Zufall tiefsinnig und romanartig in schlechtem Sinne, z. B. wo Otto in „Heimatlos" auf seiner Wanderung mit Camilla plötzlich Pauline in einem Kloster in der Schweiz trifft. Wie also für Goldschmidt das Erstrebte im Allgemeinen nicht das klar Geistige, sondern das angestrengt Kindliche ist, so bildet auch seelisch der Charakter für ihn nicht das höchste, sondern das ideale Streben, das auf jeder Seite seiner Romane vorkommt, zweimal auf jeder Seite in „Heimatlos". Bis zu einem gewissen Grade entspricht Charakter geistiger Beschränktheit. Goldschmidt ist zu vielseitig, um Geistcsbeschrünktheit zu mögen, selbst in Gestalt von Charakter. Es steht auch nicht in seiner Macht, eine männliche Persönlichkeit zu schildern. Den besten Beweis dafür bietet der unheimliche Eindruck, den man während des Lesens bei den Anfällen von Gewaltthätigkeiten erhält, die er seine Helden bisweilen aussühren läßt, uni auch diese Seite der Mannesnatur einzuschließen. Ein Beispiel bietet vor Allem die lächerliche Stelle in „Heimatlos", wo Otto Schiödt auffordert, „nach der Stadt 8*