Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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114 ländischen Erdboden, unsere Suade und unsere Sprache auszeichnet. Seiner jüdischen Abstammung dankt Goldschmidt die meisten Vorzüge, seine ursprünglich jüdische Gläubigkeit bildet vielleicht die erste Ursache seiner Schwäche. Als Dichter behielt er stets, was er als fortschreitender Geist verließ. Der religiöse Mysticismus, der in der Kindheit seinem Gemüt die Richtung verlieh, er wurde förmlich in Kraft einer chemischen Verwandschaft zur modernen deutsch-romantischen Mystik hingezogen, woran Goldschmidt, so verständig und bewußt er auch sonst ist, kraft einer Parteinahme, sich ein für alle Mal anschloß. Dieser Mysticismus verursacht auch, daß das Außergewöhnliche, das Poetische, das Große in ihm, nie die festen Formen der Vernunft nach Goethe'schem Muster annahm, oder die festen Shakesspeare'schen Charakterformen, sondern stets im Unklaren stecken blieb, beim Unerklärlichen und oft sinnlos Bedeutungsvollen, oder es fällt, um sein eigenes Stichwort zu gebrauchen, mit dem Ideal junger Studenten und ältlicher Damen zusammen. Für ihn ist die Wahrheit nicht das vernünftig Wahre. Er erreicht nie die lichten Gegenden des Geistes, sondern bleibt in Kindlichkeit und Glauben nach dem Unbekannten stecken in Sehnsucht und Verlangen und „saugendem Entbehren", in unentwickeltem Sinn für das Große. Bei all seiner Klugheit kann er sich in seiner Dichtung nicht von der Naivetät befreien, die ihm seine Entwicklung seit langem geraubt hat, denn er besitzt das Poetische nicht in anderer Form. Daher kommt es, daß seine Kinderfiguren fast in allen seinen Erzählungen vorzüglich sind, aber daher kommt es auch,daß das Treuherzige, das Unwillkürliche, da erselbst so stark bewußt ist, oft absichtlich gewählt und gewollt erscheint, und der poetische Glaube das Gepräge von etwas in sich Unhaltbarem trägt, woran die nervös angestrengte Natur sich ungesund und ohne Verminst geklammert hat. Hieraus das Unwahre bei Goldschmidt. Wenn Jakob in seinem „Juden" an der Spitze seiner Eskadron entehrt wird, weil die weißen Burnusse der Beduinen eine so überwältigende Kindheitseriunerung vom Aussehen der Juden am großen Bersöhnungstage in der Synagoge Hervorrufen, daß sie ihm den Angriff unmöglich inachen, ist die