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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 113

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Meyer Aaron Goldschmidt
Date
1901-01-01
Page
Seite 113 (sequence 15)
Language
German
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IRI
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113 Meliere ein Jude vor, während die Juden im nordischen Lustspiel stehende Typen bilden. Die Jüdinnen, die wie die Rachel und Sarah Bernhardt auf der französischen Bühne aufgetreten, und die Juden, die wie Leon Gozlan, Catulle Mendes und andere in der französischen Literatur auftreten, sind deshalb auch ganz in den allgemein französischen Geist aufgegangen. In Deutschland haben sie sich ein kräftigeres Gepräge bewahrt; die einzigen witzigen Schrifsteller in der deutschen Litteratur sind, wenn man Lichtenberg, der Halbengländer war, ausnimmt, insgesammt Juden. Ein gewisser Vorzug scheint dem jüdisch geborenen Schriftsteller förderlich zu sein: Wie sehr auch eine romanische oder nordisch-germanische Persönlichkeit daran arbeitet, sich von nationalen Einflüssen zu befreien, die sich in ihr und in ihrer Umgebung geltend machen, so wird sie, ohne ihre Natur zu verleugnen, doch schwerlich dahin gelangen, die Begrenzung ihres Stammes zu überschreiten. Aber der jüdische Geist ist schon von Geburt an frei. Die romanische und amiromanische Kultur, die Formenschönheit und der Jnhaltswert, Katholicismus und Protestantismus, klassische und romantische Zivilisation, alles liegt ihm gleich nahe und gleich fern. Er ist Spinozas Sohn. Deshalb steht er von Geburt an jeder europäischen Beschränkung feindlich gegenüber, ist frei geboren sowohl als wissenschaftlicher Betrachter, wie als dichterischer Wiederdarsteller. Dieses Verhältnis hat Goldschmidt zu einem Auserwählten gemacht. Schon sein Stil verrät es. Er ist ein Krastauszug, aus sieben Kraftauszügen zusammengesetzt. Mit deutlichen Spuren der Erzählungsart der Sage vereint er starke Goethesche Einwirkung, er hat alttestamentarische Ausdrücke für das Leidenschaftliche, jüdische Wendungen in seinem Witz und seiner Wehmut, Heldenliedtöne in seiner Sehnsucht und seiner Romantik. Bald schmückt sich der Dichter mit dem Ehrwürdigen und dem Feierlichen in der Religion seiner Vorfahren, bald schlägt er nordische, ja Björnson'sche Saiten an, bald schildert er einen jütländischen Bauernknecht ebenso sachlich, wie er einen Türken vorführen würde, aber stets schwillt sein Stil zu dem sanften Wellengänge an, der unfern vater- 6

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