Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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112 mit Dialekt und ohne Dialekt, und gerade so stark mit dieser Eigenheit kokettirt, wie andere sie erwähnt zu hören fürchten. Goldschmidt sollte, wie ich es einmal einen geistreichen Juden ausdrücken hörte, „nicht stets seine Großmutter mit scharfer Sauce servieren". Ich habe natürlich nicht die Absicht, die Beschuldigung gegen ihn zu richten, daß er als nicht getauft die Sache des Judentums hätte ruhen lassen sollen. Denn ich weiß nicht, mit welch größerem Recht man vom Dichter verlangen will, daß er den Glauben seiner Vorfahren Jakob oder David haben soll, als man von einem Nordländer verlangen wird, daß er Harold Hildentands oder Regner Lodbrogs Glauben haben soll. Goldschmidt kränkt kein Pietätsgefühl, aber besitzt es selbst; er schildert das jüdische Wesen stets mit der innigsten Teilnahme. Soviel ist jedoch sicher und unbestritten, daß Goldschmidt hier ein Gebiet betrat, worauf er vor allem zu Hause war, und es ist voll berechtigt, daß er es pflegte, selbst wenn er daraus etwas zu viel Wesen machte, und in seiner Schwäche für das Geheimnisvolle das moderne Judentum mehr abgeschlossen geschildert hat als notwendig war; er machte sich und das Judentum interessant durch seine Erzählungen. Er hat einen berechtigten Stolz in seine jüdische Abkunft gesetzt, und hat als jüdischer Däne einen besonderen Platz in unserer Litteratur erstrebt. Er hat, trotz seines weltbürgerlichen Hangs, stets zwei Nationalitäten höher als alles andere geliebt: die jüdische und die dänische. Er hat sich selbst als eine Art von edelgeborenem Bastard angesehen, sowie er in der Fabel die Fledermaus wechselweise zu den Mäusen sagen läßt: „Ich bin Maus" und zu den Vögeln: „Ich habe Flügel". Er hat sich bestrebt, seinen Beitrag zur Beantwortung der Frage zu liefern, was die Aufgabe des Juden in der modernen Kultur ist. Die jüdische Begabung ist künstlerisch in der Musik hervorgetreten (Mendelssohn, Meyerbeer, Halevy, Rubinstein, — Offenbach), auf diesem Gebiete vorzugsweise in Frankreich, und in der Litteratur (Mendelssohn, Heine, Börne, Auerbach, Lassalle, Disraeli, Zangwill), auf diesem Gebiete zumeist in Deutschland und England. Der jüdische Geist scheint leicht in den französischen überzugehen; nie werden z. B. auf dem französischem Theater Juden lächerlich gemacht, nie kommt bei