Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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111 kleiner, eingesetzter Märchen oder Legenden, wenn sie auch immer so klug und sinnreich angewandt sind, daß sie selbst, ohne Goldschmidts Erfindung zu sein, sein wohl erworbenes Eigentum werden. In den großen Büchern ist der Aufbau am schwächsten; wenn beim beginnenden Mannesalter den Helden eine Leere befällt, greift der Verfasser zu seinem unfehlbaren Hausmittel, er schickt ihn ins Ausland (Ein Jude, Heimatlos, Der Erbe). Reisen, Reiseerlebnisse, Reisegespräche bieten vorzügliche Füllsel. Der mit diesem Füllsel ausstaffierte Held kehrt dann in sein Land zurück, um zu sterben. Er ist, wie die Komtesse in „Heimatlos" zu Otto sagt, nur Kind und Greis, das Zwischenliegende fehlt. Aber die Ursache dieses Mangels darf bei dem Schriftsteller nicht in der Geschicklichkeit, sondern in der Natur gesucht werden. Betrachten wir nun den Menschen abseits der Feder. Wir erblickten das Feine, Geheimnisvolle im Vortrage. Dieses Geheimnisvolle ist eine Stilbestimmung. Aber es ist zugleich ein Charakterzug. „Ein paar Kindheitsjahre", sagt Goldschmidt, „in der jüdischen Religion unter strenger Beobachtung der Zeremonien verbracht und in dem steten Gedanken an eine ferne aufmerksame Gottheit üben eine Wirkung auf das ganze Leben aus. — Die Seele erhält einen Druck, der sie verhindert sich jemals frei emporzuschwingen und eine gewisse Furcht vor dein Unbekannten abzuschütteln". Diese Stelle ist beim Abdrucke verändert worden, ist in ihrer ursprünglichen Form jedoch bezeichnend. Ich finde es nicht schön, wenn Schriftsteller jüdischer Abkunft, wie z. B. Hertz, in ihrem Schriftstellerleben alles thun, um ihre Abstammung vergessen zu lassen, sie fast wie einen Schandfleck verbergen, vor allem nie einen jüdischen Stoff wählen. Wer weiß, ob Hertz dadurch seiner Lyra nicht eine Oktave entzogen hat; ein Gedicht aus seiner frühesten Jugend „Die Versuchung" läßt erkennen, daß er eine mögliche urkräftige Leidenschaft besaß, die später aus seiner Poesie verschwunden ist. Aber andererseits kann ich es auch nicht ansprechend finden, daß ein Schriftsteller immerwährend darauf zurückkommt, daß er ein Jude ist, teils wenn er schlicht berichtet, teils wenn er als Dichter in jeder Weise Juden schildert, aller Art, junge und alte, ea face und im profil,