Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111909--1058-3112033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
110 Meister des Stils, worauf Schillers Worte so Passen, wie auf Goldschmidt. Es wäre ein leichtes, zahlreiche Beispiele seiner Meisterschaft wiederzugeben. Ich will hier beispielsweise nur einige Arbeiten nennen, wie die Einleitung zu „Liebesgeschichten aus vielen Ländern" oder die kleine Beschreibung der Illumination der Peterskirche, oder den „Bergzauber No. 1", der in seiner Art eines der feinsten Meisterstücke ist, mit einer Goldfeder geschrieben. Als Stilist ist Goldschmidt ein Äusnutzer. Wenn seine Feder nach Tinte dürstet, nach Stoff hungert, dann verwertet er alles, Tageseindrücke und welthistorische Ideen, Politik und Aesthetik, revolutionäre und romantische, radikale und reaktionäre Anschauungen, Erlebnis und Dichtung, Erlebtes und Empfundenes, Beobachtung und Erinnerung. Er verschmäht nichts, wenn die Feder Beschäftigung und Motive verlangt. Er besitzt wenig freie Phantasie, aber viel umbildende Einbildungskraft; er beobachtet und beschreibt, sieht und stellt wieder dar, jedoch mit so großem physiologischen Feingefühl und mit so viel Leben, daß selbst die einfachste Erscheinung, in der Auffassung seines gefärbten Schleiers, des Verweilens lohnt. Am glücklichsten war er in der Schilderung der kleinen Eigenheiten, die er durch sein eigenes Leben Gelegenheit fand, aus nächster Nähe zu gewahren, besonders die Eigenthümlichkeit der Kleinwelt und des jüdischen Wesens. Er ist in solchem Grade von der Beobachtung abhängig, daß er als Erzähler zuweilen unzusammenhängend wird. Die Menge seiner Erzählungen besteht aus mosaikartig zusammengesetzten Beobachtungen (z. B. Echo) und selbst in den besten findet man jeden Augenblick lose Sinnesbeobachtungen eingeschoben. So ist in den „Wankelmütigen auf Grauheide" die Schilderung des Eindrucks, den Karens entblößter Hals auf Marie macht, ein loser, unzugehöriger Einfall, ein der Wirklichkeit abgeschriebener Eindruck, und so zerfällt, um etwas größeres zu nehmen, der Roman „Heimatlos" schließlich vollständig. Es ist deshalb Goldschmidt unmöglich, ein Werk in langem Atemzug zu schreiben; um eine große Komposition zu beseelen, fehlt ihm der mächtige dichterische Hauch in Kopf und Brust. Je kleiner seine Erzählung, um so glücklicher gestaltet er sie, und selbst in den kleineren verrät sich nicht selten der Benutzer