Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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109 des Seltsamen, des Interessanten. — Schiller hat das berühmte Epigramm geschrieben: Jeden andern Meister erkennt man an dem, was er ausspricht; Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils. Der Kern dieses Stils zeigt auf's Bestimmteste, was Schillers Kraftspruch gerade als Kern des Stils bezeichnet: Die Fähigkeit, durch Verschweigen anzudeuten und durch Andeuten auszusprechen. Indem nun diese Fähigkeit schon in der frühen Jugend des Verfassers, als er den „Corsar" gründete, auf den Druck der Zensur stieß, wurde sie timt außen gepflegt und genährt, allen Treibhausbedingungen unterworfen, daß sie allmählich seinem ganzen Geist und allen seinen übrigen Anlagen den Stempel verlieh. Sie machte ihn witzig, denn Humor besitzt Goldschmidt nicht; aber es ist ein Witz vorhanden, der etwas Ungesagtes durch das Ausgesprochene schimmern läßt. Sie machte ihn geheimnisvoll und tief, denn Tiefe hat Goldschmidt nicht; aber es giebt einen Tiefsinn, der darin besteht, einen Hintergrund oder Abgrund ahnen zu lassen. Sie machte ihn schließlich geistreich, selbst wenn das, was er zu sagen hatte, ziemlich banal war, denn was wir aus dänisch zum Unterschied vom Geistvollen geistreich nennen, liegt gerade in der Kunst, einen banalen Einsall so darzustellen, daß er sich außerordentlich ausnimmt. Mit der Zeit mißbrauchte Goldschmidt diese Fähigkeit, es wurde ihm zur Gewohnheit, hier und dort ein geheimnisvolles Zeichen, ein bedeutungsvolles Kreuz zu setzen. Man glaubt: Hier liegt der Hund begraben; aber beginnt man zu graben, so findet man nichts. Ein Beispiel bietet die Geschichte von Mephistopheles und den Photographien. Während die ältere Schriststellerschule unserer Litteratur z. B. Hauch oder Oehlenschläger, ehrlich arbeitet, so weit ihre Kräfte reichen, sodaß das Schwache oder Mischungen in ihnen ganz einfach darin seine Ursache hat, daß sie es nicht besser machen können, verhält es sich bei diesem Schriftsteller wie auch bei seinem jüngeren Zeitgenossen Björnson ganz anders. Bei ihnen tritt der springende Punkt immer auf, wo die Fähigkeiten versagen, sie haben dann gerade das Höchste erreicht, das Dunkle erscheint als das Bedeutungsvolle. Aber der Mißbrauch hebt nicht den Gebrauch auf, und derjenige ist in Wahrheit ein