Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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108 solch heftigem Beben und Schwingen, daß, sobald die Stimmung seinen Strom steigen läßt, alle Ufer des prosaartigen Rythmus übertreten. Bei Heiberg lag der Mittelpunkt des Prosareiches noch in Rom, Kierkegaard verlegt ihn mit seinem gekünstelten Stil nach Byzanz. Aber Goldschmidt bleibt gesichert durch seinen Takt, wie durch seine Begrenzung, auf dem klassischen Boden. Und während Heiberg, der den Vers beherrschte, seine flotte, witzige Prosa nicht zur Kunstprosa ausbildete und in seinen Abhandlungen fast stets die Nerven und Sehnen des Gedankens verspüren läßt, trägt Goldschmidts Stil Farbe, milde Säfte, sogar Blut, wenn auch nicht sehrwarmes. Als guter Prosaiker ist Goldschmidt im Ausdruck gemäßigt, er vermeidet Antithesen und Deklamation, er häuft nie Effekte. Sein Ausschwingen ist häufig, jedoch vorbereitet, seine Darstellung steigt einfach und natürlich zur Lyrik und Schwärmerei durch zahlreiche, jedoch nicht abstechende Gleichnisse. Seine natürliche stilistische Anlage schützte ihn vor verführerischer Effektation (selbst wenn sein Empfinden halb gekünstelt ist, bezeigt es der Ausdruck selten) und veranlagte, einzelne Fälle ausgenommen, wo ihn in seiner Jugend die Sentimentalität aus Abwege führte, sein frühzeitiges Verschmähen loser Bilder und Blumen. Alles kam ihm als Stilist zu statten, seine mangelnde philosophische Begabung und Bildung schützte ihn vor dem Gebrauch von Kunstausdrücken und Fremdwörtern. Deshalb schreibt er einfach, ohne starke Farben, ohne blendende, ausmalende Anschauung, besitzt jedoch die Gabe, einen Inbegriff von Mittelgefühlen hervorzurufen, wie Wehmut, Sehnsucht, gewinnende Lebensfreude, die Fähigkeit, einen Inbegriff von Mittelstimwuugen auszudrücken: Scherz, Spott, neckischen Witz und Ironie, die Gewandheit, behend und leicht den Uebergang vom Ernst zum Spott, von der Freude zum Schmerz zu finden. Hierin liegt etwas echt dänisches. Derjenige, dem das Große versagt ist, besitzt noch die Fähigkeit, das Kleinere sein zu bemeistern. Goldschmidts frühester anspruchsloser Stil („Der Zimmerplatz meines Onkels" u. s. w.) gewann allmählich stets mehr Feinheit und wuchs, je mehr die künstlerische Fähigkeit zunahm, von feiner zu verfeinerter, von anspruchsloser zu anspruchsvoller Schilderung