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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 107

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Meyer Aaron Goldschmidt
Date
1901-01-01
Page
Seite 107 (sequence 9)
Language
German
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107 beginnend), und das Tempo, das seine Prosa zum Hineinlesen bedingt (Andante oder Allegro oder Allegro furioso). Der gute Stil liegt allein in der Kunst, gelesen und verstanden zu werden. Aber Jeder wird leicht begreifen, daß verschiedene Schriftsteller sich verschiedene Stilideale bilden, nicht willkürlich, sondern ihrer besonderen Natur entsprechend. Denn der wahre Stil besteht wohl nur in dem schlichten Stil, in dem aufrichtigen und ungetheilten Ansdruck des Fuhlens und Denkens des Schriftstellers, wie er es gefühlt und gedacht hat. Goldschmidt besaß von Anfang an diese Fertigkeit. Er ist kein Mann, der in jahrelangem Vertiefeil eine Grundsumme gesammelt und aufgespart hat. Er hat früh begonnen auszugeben,. hat oft sein geistiges Vermögen zugesetzt und hat dann auf's Neue begonnen zu sehen, zu reisen, zu leben, unterwegs Vorrat zu sammeln, bis neue Ernte neue Erzeugnisse ausschied. Wenn man ihn von Ferne beobachtet, sieht man zuerst eine Feder, eine ungeheure Günseseder, und dahinter entdeckt man einen Menschen, der, da er bedeutend kleiner als die Feder ist, ganz davon bedeckt wird. Um den guten Stilisten zu schildern, muß man zuerst Goldschmidt beschreiben. Seine Sprache ist zuvörderst echte Prosa, deren Mittelpunkt mit dem Mittelpunkt unserer Prosa zusammenfallt. Selbst eine Genie wie S. Kierkegaard steht im Wohlklang seiner Prosa weniger zentral als er. Die Eigenart der guten Prosa liegt nämlich darin, daß sie, obgleich aus lauter Rhythmen zusammengesetzt, die zu Versen werden könnten, jene alle Augenblicke hemmt, gegeneinanderstellt, und dadurch eilten ruhigen, stets beherrschten Fortschritt erzeugt. Die Prosa bildet den Trab der Sprache, der Vers den Galopp. Jeder Reiter weiß, daß der Galopp sich zwar schöner ausnimmt als der Trab, daß der feste Trab jedoch schwieriger einzuhalten ist, weil das Pferd geneigt ist, Galopp zu laufen und es thäte, wenn es nicht gezwungen davon abgehalten würde. In Kierkegaards ästhetischen Schriften ist der Stil jedoch fast stets rhythmisch bewegt, er stehr auf der Grenze zwischen Prosa und Vers. Mitten im Lauf schlügt er in Galopp über, mitten im Lauf beginnt er zu fliegen. Unruhig, parenthetisch, gewaltsam in seinen Sprüngen vom Pathos zur Ironie, zuweilen wunderlich, oft manieriert, bewegt er sich in

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