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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 106

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Meyer Aaron Goldschmidt
Date
1901-01-01
Page
Seite 106 (sequence 8)
Language
German
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106 war im vollen Ernst gestellt, so seltsam es klingt. In dieser Denkweise liegt ein Gleichheitspunkt zwischen ihm und seinem Gegner Kierkegaard. Er war ohne wissenschaftliche Vorschule. Mit einer sehr hohen allgemeinen und künstlerischen Bildung verband er einen vollständigen Mangel wissenschaftlicher Befähigung. Dadurch wurde im Laufe der Jahre die romantische Mystik in seinem Sinn allein vorherrschend. Er ging allmählich ganz in seine Nemesis-Lehre auf, aus der, außer ihm, kein Zeitgenosse klug werden konnte, und die eine einfache und richtige Beobachtung in widersinnige Schlußfolgerungen überführte. Sein Buch über diese Nemesis gleicht zumeist einer schlechten Doktordissertation. Aber selbst sein rastloses Ersehnen, die Runen des Daseins zn deuten, beweist, daß sich sein Blick stets ausweitete, und daß sein geistiges Streben bis zu Ende währte. Seine bleibende und große Bedeutung besitzt er doch als der erste Ausbilder einer modernen dänischen Kunstprosa. Seine Sprache ist das beste Erbe, das er uns hinterließ. Sie umschließt die Beobachtung und den Eindruck wie ein durchsichtiger Schleier, sie ist stimmungsvoll und melodisch trotz seines immer natürlichen Parlando und sie eröffnet stets Perspektiven, aufwärts und abwärts, als sähen wir von einem freundlich an einem Abhange hochliegenden Waldwege bald zum Himmel hinauf, bald zur Meerestiefe hinab. Der Grundzug in Goldschmidts Schriftstellerthätigkeit läßt, wie gesagt, in höherem Grade als bei irgend einem anderen dänischen Schriftsteller, Mynster vielleicht ausgenommen, den Stilisten erkennen. Unter Stil verstehe ich bei einem Prosaschriftsteller den Ton, worin er gewöhnlich spricht (schlicht, geschraubt, logisch, begeistert, oratorisch, belehrend, gefühlvoll, munter, ernst u. s.w.), die Ordnung, worin er Ereignis oder Gedanken schildert (systematisch oder launisch, sprunghaft oder stufenweise abgemessen, langsam vorbereitend oder plötzlich und improvisiert

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