Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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105 „Maestro! So ist Ihre Kunst in Arbeiten, wie Simon Lewi und Awromche Nachtigall", antwortete Goldschmidt mit heftigem Protest: „Wie können Sie das sagen! Bei mir ruht immer ein Hintergedanke — etwas im Hintergründe". Das stimmte insofern, als er in der Regel auf die deutsch-romantische Grundanschaunng zurückkam, die darin besteht, daß die äußere Welt dieser Dinge eine innerlich andere verbirgt, die ihr in wunderbarer Weise entspricht; zwischen Dingen und Personen, die einander in Zeit und Raum ganz fern stehen und einander scheinbar fremd sind, giebt es deshalb dunkle und unerforschliche Verbindungen, die aus den uns unbekannten Gesetzen und Verhältnissen ent? springen. Wenn auch Goldschmidts Sinn für Ideen und Grundfragen, fein ganzes Folgern und Erörtern von Zeitgedanken etwas an seinen Zeitgenossen Karl Gutzkow erinnert, so ist er in seinem stillen Sinn doch ein Romantiker des weit älteren Typus, ganz abgesehen davon, daß er ein mannigfach größerer Künstler ist. Für ihn bildete das Verborgene immer die Schönheit. Dieser Stimmungsdruck, der von Kindheit an auf seinem Gemüt gelastet hatte, bewirkte deshalb auch, daß das Große und Wahre vor ihn: stets im Unklaren stehen blieb, wie jene Ideale, die in seinem späteren Leben als eine geheimnisvolle Nemesis-Macht ausgelegt wurden. Er besaß Anlage zum Weltmann, hatte Sinn für Behaglichkeit und geziemendes Wohlleben, aber in seinem Innersten 'war er frühzeitig ein Nazarener, betrachtete den Genuß im Grunde als Sünde und befaß nur Respekt vor Opfern und Entbehren, besonders in rein äußerlicher Hinsicht. Goldschmidt hegte z. B. von Jugend an eine gewisse Sympathie für den Sozialismus, besonders ein starkes Gefühl für das Ungerechte in der Stellung der begünstigten Klassen. Als man 1871 von nationalliberaler Seite ihn zum vereinten Auftreten gegen die sozialdemokratische Bewegung aufforderte, stellte er als Bedingung, daß man einen Verein gründen solle, dessen Mitglieder sich verpflichteten, beim Mittagessen nie mehr als drei Gerichte einzunehmen. Da die Uebrigen darauf nicht eingehen wollten, Hielt Goldschmidt sich zurück. Die Bedingung