Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 6)
- Language
- German
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104 Dichter auf, als Selbstbiograph und als dilettantischerReligionsphilosoph. Goldschmidt war ein kleiner, kräftig gebauter Mann, von gedrungener Haltung und schnellem Gang, dunkel, hatte scharfe Zuge, einen klugstechenden Blick und eine ungewöhnliche Unterhaltungsgabe. Er war im Gespräch unterhaltend und lebhaft. Wenn er wollte, war er gewinnend, und doch stieß ein Zug in seinem Wesen förmlich zurück. Durch die langwierigen Kämpfe seines Lebens, im Bewußtsein, eine Zeit hindurch im Gegensatz zu allen, und von allen bekämpft, gelebt zu haben, war er mißtrauisch geworden. Er war stets auf seinem Posten, immer von sich erfüllt, ängstlich auf seine Würde bedacht, leicht verletzt und dabei andere leicht verletzend. Er hatte mit fast allen dänischen Größen in Streit gelegen, hatte Grundtvig und die Grundtvigianer angegriffen, hatte sich von Heiberg zurückgesetzt gefühlt, den er als eine kalte diplomatische Natur verabscheute, sichvonKierkegaard verachtet gesuhlt—dessen Tagebücher verraten, welche Schimpfworte ein Mann aus dieser Bildungsstufe in Monologen über Goldschmidt ergoß — er war von Frederik Greier verhöbnt worden, der scharfe Keulenschläge gegen seine romantische Halbheit richtete, er war äußerst unbeliebt bei Bröchner, der ihn oberflächlich fand, und den er wiederum als Atheisten haßte. Daraus entsprangen auch, was in jener Zeit so viel Aufsehen und Gerede erregte, seine häufigen Scharmützel mit seinen Verlegern. Sie verrieten allerdings ein reizbares und empfindliches Gemüt. Eine allgemeine volle und runde Anerkennung, wie er sie in vieler Hinsicht verdiente, wurde ihm nie zu Teil. Goldschmidts sehr starkes Selbstgefühl konnte nur schwer die Anerkennung entbehren, er dürstete danach und fühlte sich dauernd einsam. Er war gerade nicht bitter und zu Bitterkeit hatte er keinen Grund, aber das Abweisende, Kritische in ihm gebar das Einsamkeitsgesuhl. Daneben trat in seinem Wesen, in seiner Unterhaltung wie in seinen Schriften der tiefliegende romantische, mystische Hang stets stärker hervor. Als der Verfasser dieser Zeilen einmal mit ihm durch eine Gemäldegallerie ging, auf einige Gemälde holländischer Genrebildmeister zeigte und ausrief: