Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Aber in jenem jugendlichen Kampfverhältnis kam Goldschmidts tiefes Wesen nicht zum Durchbruch. Nur der Verstandsmensch, nicht der Romantiker, brach hier durch. Erst der Roman: „Ein Jude" verriet, daß der leichtsinnige Corsar einen ganzen Ballast von Kindheitserinnerungen und Eindrücken mitschleppte, aus dem er sich nie herausarbeiten und dessen er nie ledig werden konnte, und der den Grundquell bildete, woraus er als Poet schöpfte. Seine jüdische Abkunft erhielt für ihn eine entscheidende Bedeutung, gleichbedeutend mit derjenigen der meisten deutschen und englischen zeitgenössischen jüdischen Schriftsteller. Man empfindet bei allen, daß die Welt der Zivilisation ihnen erst später geöffnet worden; sie haben als Kinder noch das Dröhnen der Ghettopforte vernommen, die hinter ihrem Rücken zusiel. Goldschmidts Abstammung machte ihn zuerst zum Schwärmer. Immer kehrte er in Gedanken und Träumen zu seinem Stamme zurück, dem von Menschen und Göttern verfolgten und verachteten, den man in einer Weise schildern mußte, daß sie die Achtung und das Mitgefühl der dänischen Landsleute erwecken könne, ihre Teilnahme und ihr Wohlwollen. Aber zunächst machte diese Abstamnmng ihn streitsüchtig. Er empfand seine Stellung als Paria. Nur Wenige nahmen ihn voll, und man fand gegen ihr: immer ein stärkeres Schimpfwort, als gegen alle Andern, ein Schimpfwort, das niemand ungesprochen ließ (obgleich es nichts besagte), denn es appellierte kräftig an den rohesten Instinkt, den blinden Rassenhaß. In seinem Jugendroman faßt er das Verhältnis von der gefühlvollen Seite auf; während seiner abgesonderter Stellung als Schriftsteller beruhte sein Ausnahmeverhältnis zum großen Teil auf seiner Polemik. Von 1848 ab ist Goldschmidt in politischer Hinsicht ein Bewunderer und Anhänger der großen europäischer: Revolutions- Partei. Während der langwierigen Rückschlagszeit, die dann folgte, trat bei ihm alles romantisch Rückblickende hervor. Aber vor: Anfang an war er der Kenner und klaräugige Kritiker des Nationalliberalismus. Er bekämpfte die Nationalliberalen auf allen Feldern, er entschleierte deren Unwissenheit und Dünkel, er enthüllte derer: Herrschsucht und