Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 3)
- Language
- German
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10L Er war nämlich nicht nur ein großer Verstand, sondern auch ein großer Stimmungsmensch. Was er schrieb, wurde so gut, weil er die feinste Stimmungsempfänglichkeit, einen überflüssigen Vorrat von Stimmung besaß. dem Sinn für die Mitwelt, für das Moderne, den seine ganze Umgebung der Poesie nicht abgewinnen konnte, vereinte er die Fähigkeit, das Empfinden in schimmernder Stimmung wiederzugeben. Dieses Brüten über Stimmungen, dieses Leben in Stimmungen machte ihn zum Poeten. Der scharfe Beobachter und verständige Schriftsteller wurde Dichter, weil er das Erkannte in einer stimmungsvollen Auslegung wiedergab. Es ist wohlbekannt, daß Goldschmidt mit einer Kampf- und Skandalfeder begann. Im „Corsaren", den er von 1840—46 herausgab, von seinem 21.—27. Jahre, verriet er zuerst nur seinen Witz, seine Lust, Aufsehen zu erregen und sich gefürchtet zu machen, und seine Befähigung zum Angriff auf den baufälligen Absolutismus, der sich der Mittel bediente, die ihm seine Machtstille bot. Hier spricht sich ein junger Schriftsteller ohne viele Kenntnisse und ohne tiefe Bildung aus, etwas wühlerisch in der Wahl seiner Waffen, gewöhnlich jedoch radikal und höchst spöttisch. Er verhöhnte die alte Amtsgewalt, so daß sie die Fafstmg verlor, und mußte dafür die grenzenlose Verachtung aller Wohlgesinnten ertrage::. Der Zusammenstoß mit Kierkegaard, der für diesen von so großer Bedeutung wurde, gewann für Goldschmidt bestimmt nicht die Bedeutung, die er hineindichtete, als er weit später auf sein Leben zurückblickte, und als Kierkegaards Ansehen auf dem Höhepunkt stand. In diesem Punkte lagen zwischen seinen mündlichen Aeußerungen und den gedruckten offiziellen Aeußerungen nicht geringe Widersprüche. Er betonte in: Gespräch stets, die Kierkegaardfche Religiosität sei eine reine Phantasiebewegung. Ich habe, sagte er, sie im „Corsaren" sehr richtig mit den Worten gesten:pelt, die ich Kierkegaard in den Mund lege: „Ich fühle den Drang, wohl zu thun. Ich will mir denken, ich hätte einer armen Frau 8 Pfennige gegeben." Er betonte stark die Phantasie, das Blutlose bei Kierkegaard. Sein ganzes Wesen, sagte er, entspringt den: Umstand, daß er keine Waden hatte.