Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Meyer Aaron Goldschmidt
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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100 kluger Mann und trat unter den dänischen Schriftstellern in vieler Hinsicht als der kluge hervor. Er besaß die bei unseren dichterisch begabten Männern fettene Eigenarft daß er — wenigstens in seinen glücklichen Tagen — seine Zeit verstand, daß er begrifft was in seiner Zeit geschah, sowohl in der übrigen Welt als in Dänemark, und er brachte stets die heimischen Verhältnisse mit 'den auswärtigen in Verbindung. Seit Baggesens Zeit hat sich keiner unserer Schriftsteller, so wie er, in europäische Kultur unb politische Verhältnisse versetzt. Er gehörte zu den äußerst Wenigen, die es verstehen, gu reisen und auf der Reise zu lernen. Er kannte euren großen Teil von Deutschland, Frankreich, England, Oesterreich und Italien, kannte alle diese Hauptlünder ungefähr gleich gut. So grunddanisch er in seiner Sprachform und in seiner Behandlung verschiedener Stoffe war, die viel Rücksicht verlangten, so weltbürgerlich war er in seiner Arrschauung dänischer Zustände. Während die meisten seiner Landsleute und Berufsgenossen beim Zeitungsschreiben und Dichten einen Atlas benutzten, worin Dänemark und Rußland ein Stück Papier gleicher Größe einnahmen, hatte er offenbar einmal in einem frühen Stadium seiner Entwicklung einen Globus zu sehen bekommen, und diesen Anblick vergaß er nie. Und er erkannte nicht allein die äußere Stellung seines Vaterlandes, sondern er erkannte auch mit Schärfe dessen Parteien und leitende Persönlichkeiten. In seinen jungen Tagen sprach er ziemlich offen aus, was er von ihnen hielt, später wurde er immer zurückhaltender. Er sah ein, daß es hier gu Lande unklug war, zu sprechen, daß man gut daran that, zu schweigen. Hin und wieder sagte er etwas mehr, als er meinte, oder etwas, dessen Klang der Meinung nicht entsprach. Es konnte aus Klngheitsrücksicht geschehen, aber es geschah auch, weil ihn die Stimmung fortriß. Zuweilen sieht man deutlich, wie seine Stimmung sich verändert. Im Grunde genommen glich Goldschmidlls Leben fast bis zu seinem fünfzigsten Jahre einer Reihe von Kämpfen und Niederlagen. Immer wieder rannte er mit der Stirn gegen die nationalliberale Mauer. Wenn er es zuletzt aufgab, geschah es, weil er aus Schaden klug geworden war. Aber es trat auch noch etwas Anderes hinzu.