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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 96

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
Date
1901-01-01
Page
Seite 96 (sequence 11)
Language
German
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96 In diesem engen Rahmen konnte ich den Jdeenschatz des Judenthums natürlich nicht erschöpfen, ich griff blos einige religiöse Wahrheiten und ethische Forderungen heraus. Die ganze Gedankenwelt des Judenthums ist in seiner großen Litteratur und im lebenden Gefühl seiner Anhänger niedergelegt, aus welchen es zu allen Zeiten nach dem jeweiligen Bedürfnis; schöpft. Das Judenthum kann in Folge dieser unversiegbaren Quellen nie verknöchern oder veralten. Es ist bekannt, daß der Socialismus, das die Gegenwart und die nächste Zukunft beherrschende Problem, aus der Bibel nicht nur Anregungen erhalten, sondern mehrere Gedanken direkt entlehnt hat. Die moderne „Sonntagsruhe", das Verbot nämlich, Sonntag zu arbeiten, ist nichts anderes als die Uebertragung des uralten, schon von den alten Völkern bewunderten jüdischen Sabbaths auf den Sonntag. Von den Rituälgesetzen, von ihren moralischen Grundlagen und Wirkungen, haben wir überhaupt nicht gesprochen. Jedoch schon die wenigen Ideen, die wir zur Sprache brachten, geben ein Bild von der Wirkung des Judenthums in der Vergangenheit und von seiner Sendung in der Zukunft. Vielleicht denken aber meine Leser, der jüdische Theologe, der seine Tage in der Gesellschaft von Großen dahingeschwundener Zeiten verbringt, den in der Sülle der Nacht die Geister der Ahnen umschweben, um ihm von den Kämpfen des Geistes, von seinen Siegen und Niederlagen, von Märtyrerthum und Beruf zu erzählen, lebe in einer Welt der Phantasie und der Träume. Der jüdische Theologe kenne das praktische Leben nicht, verstehe nicht die geschäftige Menge, die fieberhafte, im Kampf ums Dasein versunkene Zeit, sei also nicht im Stande, die Gegenwart zu beurtheilen und aus die Zukunft Schlüsse zu ziehen. Es sei mir also verstattet, zum Schluß zwei berühmte nichtjüdische Denker zu Worte kommen zu lassen, die in dieser realen Welt gelebt und über das Jndenthum unbefangen gedacht haben. Im Jahre 1882 traurigen Angedenkens, in welchem die antisemiüsche Hochfluth eine Ritualmordklage nach Ungarn schwemmte, und um welche Zeit ein hochberühmter deutscher Gelehrter die Juden vertheidigte, ihnen aber zugleich die Apostasie anrieth, gab der französische Philosoph und ehe-

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