Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 10)
- Language
- German
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95 die ausschließlich durch die Wahrheit ihrer Ideen und durch die Reinheit ihrer Gefühle auf die menschliche Vernunft und das menschliche Herz einwirkt: ihre Triumphe sind nicht Triumphe des Schwertes, sondern der Ideale. Und Israel ist reich an Idealen. Es verkündet seit uralten Zeiten die allgemeine Menschenliebe, den ewigen Frieden, die Ankunft einer schönern Zeit. Wagt es Jemand zu leugnen, daß das Ausstecken solch' höherer Ziele der Menschheit zum Heile gereicht hat? Das mosaische Gebot: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, ist allerdings noch nicht zur Wirklichkeit geworden; auch der Hillel'sche Spruch, der die Nächstenliebe in volksthümlicher Form zum Ausdruck bringt und so recht eigentlich der jüdischen Volksseele entnommen ist, harrt noch der Erfüllung; er lautet nämlich: Was dir verhaßt ist, thue auch deinem Nächsten nicht. Wagt es jemand zu leugnen, daß dieses Gebot seinen Zug durch die Welt angetreten, daß es schon manche Triumphe gefeiert, daß es endlich Sieger bleiben wird auch gegen die Racentheorie von Gestern, die vom Gesichtspunkte der Religion und Moral nichts anderes ist als die wissenschaftlich aufgeputzte heidnische Anschauung vom Verhältniß der Menschen zu einander? Auch die Hoffnungen des Propheten, das Lamm werde friedlich neben dem Wolf weiden, die Völker werden ihre Schwerter zu Pflügen und ihre Lanzen zu Sensen umschmieden, haben sich noch nicht erfüllt. Wagt es aber Jemand zu leugnen, daß in den seither verstrichenen zweiundeinhalbtausend Jahren sich die Anhänger des ewigen Friedens vermehrt haben, und zwar nicht nur in den ärmlichen Hütten, sondern auch auf den mächtigen Thronen? Nach diesen vielverheißenden Anfängen kann auch die Hoffnung aus eine schönere Zukunft, in der die Gotteserkenntniß die Menschen erfüllen wird, wie das Wasser das Meer, und in der Gerechtigkeit auf Erden herrschen wird, keine reine Utopie sein. Die Zeit ist unendlich.