Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 12)
- Language
- German
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97 malige Minister des Aeußern Barthelemy Saint Hilaire auf die Frage, ob die Juden die Taufe nehmen sollen, folgende Antwort: „Nein, die Juden sollen sich nie taufen. Ich würde diesen Uebertritt für ein riesiges und nie gut zu machendes Unglück für die ganze Menschheit betrachten. Es giebt kein Volk auf dem Erdenrunde, welches ein solch' erstaunliches Beispiel der Ausdauer und der Glaubensstärke gegeben; es giebt kein zweites, das einen so mächtigen Einfluß ausgeübt hätte. Seine Bibel mit der Genesis und den Psalmen übertrifft weit die heiligen Bücher sämmtlicher Nationen, und diese Bibel hat es zum Volke Gottes gemacht. Es wäre ein unglückseliger Tag, an dem die Juden zu Christen würden und die Lücke, die dieser Uebertritt verursachte, könnte nie ausgefüllt werden. Die Juden müssen ihre Religion bewahren, für welche drei Jahrtausende zeugen und welche die Zeit nicht zu erschüttern vermochte. Der menschliche Geist verlöre ein Musterbild, das nicht seines Gleichen auf Erden hat; dieser Verlust wäre aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen um so trauriger, da die Gottesidee in vielen Köpfen, die sich für aufgeklärt und gelehrt halten, wohl nur vorübergehend, bis zum Verschwinden abgeschwächt ist. Das menschliche Gewissen bedarf für immer und ewig Israels lebendiger Protestation und jener unerschütterlichen Stütze, welche sie darin gegen ihre eigenen Schwächen und gegen jene Zweifel findet, die das Christenthum bedrohen. Ich spreche im Namen der Philosophie. Diese Ansicht ist bei mir nicht neu, ich habe ihr schon mehrmals öffentlich Ausdruck gegeben. Die gegenwärtigen Verfolgungen aber mögen die Juden mit jenem Muthe dulden, mit dem sie schon andere und nicht weniger grausame Verfolgungen ertragen haben. Diese schändlichen Barbareien werden ihr Ende erreichen und es wird der Tag kommen, an dem der Israelit überall das sein wird, was er in Frankreich ist, ein Bürger, wie die anderen, und wo die Juden, ebenso wie die Katholiken und Protestanten unter der Herrschaft allgemein gültiger Gesetze leben werden." (Vgl. Singer, Briese berühmter christlicher Zeitgenossen über die Judenfrage, 1884, S .78.) Der begeisterte Denker ist seither in das Reich der ewigen Wahrheit eingegangen und hat nicht gesehen, wie nach kurzen anderthalb 7