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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 94

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
Date
1901-01-01
Page
Seite 94 (sequence 9)
Language
German
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94 Schriften, unsere Rabbiner in den Synagogen, unsere Lehrer in den Schulen verkünden. Sie bilden auch kein Geheimniß vor der Außenwelt. Ein bedeutender ungarischer Denker meinte, die jüdische Religion vermag auch ein philosophisches Gehirn zu befriedigen, und Renan sprach das witzige Wort, die jüdische Religion fordere ein Minimum von Glauben. Die Propheten und Rabbinen gelangten nicht aus dem Wege metaphysischen Denkens zu ihren religiösen und ethischen Wahrheiten, diese brannten wie Feuer in ihren Knochen. Sie gaben nur den Gefühlen und Gedanken, die in der Volksseele lebten und webten, die passende Formel und den geeigneten Ausdruck; folglich ist es allein das jüdische Volk, das diese Ideen zu behüten und zu verbreiten berufen ist. Angelernte Wahrheiten kann man vergessen, in der Aufwallung der Leidenschaft bei Seite schieben und gegen andere Umtauschen, aber die Volksseele läßt sich nicht auswechseln. Das Judenthum ist nicht darauf angewiesen, seine Bekenner mit Dogmen zu regieren, wie etwa der Staat seine Unterthanen mit Polizeiverordnungen, die er für nützlich erkannt, denn die Kraft des Judenthums besteht nicht in physischer Gewalt, sondern in dem unwiderstehlichen Reiz, den seine Ideen aus seine Bekenner ausüben. Der weltgeschichtliche Beruf des Judenthums ist, den Völkern ein Beispiel zu bieten, aber nicht der, durch Eroberungen sich selbst zu stärken. Seine Großen sind in der That keine Eroberer gewesen, sondern Helden des Geistes und des Charakters. Ein Held ist derjenige, der seine Leidenschaften bezwingt, lehrten die vielgeschmähten Talmudisten. Das Judenthum hat eine Mission, aber es missionirt nicht, denn es kennt kein Paktiren und kannte ein solches auch in der Vergangenheit nicht. Das Judenthum ist die einzige Confession, die von der irdischen Macht keinen Antheil verlangt; es leugnet aber auch das bekannte Prinzip: cuius regio illius religio. Die Juden sind keine Nation, wie andere, gerade deshalb sind sie geeignet, als weltgeschichtliches Beispiel zu dienen, da ihre Aufgaben und Ziele unvermischt religiöser Natur sind. Völker kommen und vergehen, aber die Zehngebote leben und werden leben, so lange es eine menschliche Gesellschaft geben wird. Das Judenthum ist die einzige Religion, die von weltlicher Macht nicht gestützt wird.

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