Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 8)
- Language
- German
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93 — Gefallen findet". Die Pflichten des Menschen werden von Micha (6, 8) in wenigen Worten znsammengefaßt: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was Gott von dir verlangt; handle gerecht, übe Liebeswerke und wandte demüthig vor deinem Gotte." Der Talmud meint, alle 613 Gebote, die in den fünf Büchern Moses enthalten sind, sind inbegriffen in den zwei prophetischen Worten: „Suchet Gott und lebet" (Amos 5, 4). Gott suchen und alle guten Werke üben, sind nach jüdischer Anschauung identische Begriffe. Glaube und Moral sind untrennbar mit einander verbunden. Die Grundlage des Judenthums bilden zwei Elemente: religiöse und sittliche Wahrheit. H. Grütz, der bedeutendste jüdische Historiker, hält die Verbindung von Religion und Moral für den charakteristischsten Zug des Jndenthums. Er entwickelt den Gehalt der beiden Elemente folgendermaßen: „Jedes der beiden Elemente hat eine positive und eine negative Seite. Der positive Inhalt des ethischen Elements ist Liebe, Wohlwollen, Demuth, Gerechtigkeit; der negative Inhalt desselben ist Achtung des menschlichen Lebens, Enthaltsamkeit von Unkeuschheit, Unterdrückung der Selbstsucht und der Bestie im Menschen, Heiligkeit im Handeln und Denken. Das zweite Element ist das religiöse, in welchem die negative Seite die vorherrschende ist. Es fordert, daß man kein vergängliches Wesen als Gott verehre, möge es nun dem Thierreiche, der menschlichen Race oder der himmlischen Welt angehören, daß man jeden Götzendienst für nichtig halte und vollständig abweise. Die positive Seite ist, das höchste Wesen als einzig und einig, als das Wesen aller ethischen Vollkommenheiten zu betrachten nnd als Gottheit zu verehren — mit einem Worte: „Monotheismus in weitestem Umfange des Begriffes. Das Ethische ist mit dem religiösen Element deshalb so innig verwachsen, weil die göttliche Vollkommenheit für das moralische Leben das Ideal bietet. Refrainartig wiederholt sich in unseren heiligen Schriften der Satz: „Seid heilig, denn heilig bin ich" (Jewish Qaarterly Review I, 9). Und das sind keine neuen Wahrheiten, die etwa geniale Forscher entdeckt, sondern solche, die in der jüdischen Volksseele seit Jahrtausenden leben, die unsere Gelehrten in ihren