Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 7)
- Language
- German
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92 welchem die ältesten und mächtigsten historischen Wurzeln des Monotheismus lagern, und welches den Monotheismus bis zur Stunde am reinsten bewahrt hat. Diese älteste und stärkste Macht des reinen Monotheismus, welcher das unvergängliche Verdienst zukommt, der Menschheit den Glauben an den ewigen Gott gegeben zu haben, ist vorzugsweise geeignet und berufen, den Kampf gegen die atheistischen Strömungen der Zeit aufzunehmen." (S. 28.) Wir müssen ferner noch eine allgemein bekannte und doch so selten gewürdigte Thatsache in Erinnerung bringen. 600 Jahre verkündete man unablässig, daß das Judenthum keine besondere Mission mehr habe, bis auf ein Mal der Prophet des Ostens erschien und der jüdischen Gottesidee auf weiten Gebieten zum Siege verhalf. Der Islam zählt heute nicht weniger als 300 Millionen Menschen zu seinen Bekennern. Fast die Hälfte der ganzen Menschheit und zwar diejenige, in deren Mitte die höhere Kultur ihr Zelt aufgeschlagen, huldigt der monotheistischen Religion, mit deren Hilfe sie sich zugleich aus dem moralischen Pfuhl des Heidenthums emporgearbeitet hat. Denn der Glaube an einen einzigen Gott bedeutet nicht, daß die Götter und Göttinnen des griechischen Pantheons und der orientalischen Völker zu einer Person zusammengepreßt werden, sondern das, daß ein vollkommenes Wesen das Weltall regiere und die Herrschaft der Tugend unter den Menschen fordere. Der Cult der Götzen bestand in Zuchtlosigkeit; Adonai fordert menschliche Vollkommenheit, sittenstrenges Leben, Liebe und Gerechtigkeit. Das Judenthum verkündet mit der Einheit des Schöpfers die Einheit der Schöpfung und die Einheit des Menschengeschlechts (Luzzatto, Moraltheologie 13). Jahrtausende vor Rousseau und dem aufgeklärten achtzehnten Jahrhundert haben die Propheten Israels die Gleichheit der Menschen verkündet. „Wir haben alle Einen Vater, Ein Gott hat uns geschaffen," spricht Maleachi 2, 10. Gott spricht durch Jeremia (9, 22 23): „Der Mensch rühme sich nicht seiner Weisheit, seiner Kraft, seines Reichthums, sondern seiner Gotterkenntniß." Und worin besteht diese Erkenntniß? Darin, daß „Gott Liebe, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden und daß er an diesen