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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 91

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
Date
1901-01-01
Page
Seite 91 (sequence 6)
Language
German
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91 deren Hilfe sie auf jeder Entwicklungsstufe und bei jeder neuen Formation der menschlichen Gesellschaft als lebendiger und treibender Faktor erscheint. Die alten Völker glaubten an so viele Götter, daß es leichter war, einem Gotte als einem Menschen zu begegnen. Diesem Heidenthum stellten die Juden die Idee des Monotheismus entgegen. Aber der Gott des Judenthums ist kein Tyrann, der die Menschen nach Willkür und Laune beherrscht, der den Sterblichen die irdische Wohlfart mißgönnt, wie die griechisch-römischen Götter, der die Sittlichkeit nicht respectirt, wie die Baale der Phönicier, sondern heilig, 'gerecht und sittlich. Wie ihre Götter, so sind die Völker, und wie die Völker, so sind ihre Götter. Freilich gilt dieser Satz nur von naturwüchsigen Völkern, die ihr Gottesideal selbstständig geschaffen, aber nicht von Völkern, die in den Bannkreis fremder Ideen gerathen. Bei diesen klafft ein Abgrund zwischen Ideal und Wirklichkeit. Der liebende und heilige, gerechte und sittliche Gott fordert auch von seinen Geschöpfen Liebe und Heiligkeit, einen gerechten und sittlichen Lebenswandel. Die heilige Schrift ist überfüllt von diesen Ideen, die sie in mannigfacher Gestalt zum Ausdruck bringt. Man sagt, das Judenthum habe in dieser Beziehung keine Mission mehr, da die Idee des Monotheismus bereits alle civilisirten Völker erobert habe. Der Meister lehre nicht mehr, denn seine Lehre ist eine siegreiche; 800 Millionen Menschen haben dieselbe schon angenommen in der alten und neuen Welt. Wir gehen jeder Polemik gerne aus dem Wege; gegen diese Behauptung müssen wir jedoch auf die Thatsache Hinweisen, daß man dasselbe 1500 Jahre hindurch verkündete, bis die Reformation ihr Werk mit Hilfe der hebräischen Bibel vollbrachte. Der Berliner Professor, A. F. Berner, ein begeisterter Anhänger seiner Religion, spricht in seinem Vortrage „Judenthum und Christenthum und ihre Zukunft" (Leipzig 1891) von den „polytheistischen Elementen des Christenthums", die erst die Zukunft eliminireu wird (Seite 19 und 40). Er äußert sich an einer andern Stelle über den fraglichen Punkt mit einer heute so seltenen Unbefangenheit und Klarheit, daß wir es uns nicht versagen können, seine Meinung wörtlich anzuführen: „Das Judenthum nun ist es, in

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